Gemessen an anderen gleicht die Künstlerkarriere des Singer-Songwriters oberflächlich die eines Spätzünders: Als Steve Earle 1986 sein Debüt-Album Guitar Town veröffentlichte, hatte er die Dreißig bereits überschritten. Dass Earle und sein Erstling die sich erst später im vollen Umgang etablierten Genre-Klassifizierungen Americana und Alternative Country maßgeblich mitdefinieren sollte, ist indes unbestritten. Seitdem hat der liberale Texaner sowohl die Fusion von Country und Rock als auch traditionelle Troubadour-Traditionen gepflegt, war als Schauspieler und Schriftsteller tätig und ist bezüglich bisher gewonnener Grammy-Auszeichnungen im Segment Best Contemporary Folk/Americana auf Augenhöhe mit Bob Dylan.

Am 17. Januar 1955 in Fort Monroe, Virginia geboren und ab seinem zweiten Lebensjahr in der Umgebung von San Antonio, Texas aufgewachsen, fand Earle im Alter von elf Jahren mit dem Rolling Stones-Song „Mother’s Little Helper“ zur Gitarre. Vom 68er-Zeitgeist der Folk- und Hippie-Friedens-Bewegung geprägt, folgte Earle dem antiautoritären und künstlerischen Pfad, schmiss mit 16 die Schule und zog als Tagelöhner und Musiker nach Houston. Dort begab er sich in die Obhut seines Idols und Mentors, Townes Van Zandt. 1974 verschlug es Earle nach Nashville, wo er weiterhin eigene Songs schrieb, sich mit Gelegenheitsjob durchbrachte aber auch in der Band von Guy Clark, einer weiteren wichtigen Schlüsselfigur, den Bass bediente. Sein kompositorisches Können sollte ihn in Folge zunächst als Songschreiber tätig werden lassen (Leute wie Johnny Lee oder Carl Perkins vertonten seine Lieder) bis er – einen frischen Plattenvertrag mit MCA in der Tasche – 1986 schließlich mit besagtem ersten eigenen Langspieler, Guitar Town, debütierte und damit einen Country-Rock-Erfolg einfahren konnte.

Steve Earle – „Guitar Town“ (1986):

Zwei Jahre später ließ Earle es mit der Vietnamkriegs-Reflexion Copperhead Road noch etwas heftiger krachen. So führte er darauf bislang ungehört harte Gitarren-Klänge und donnernden Drum-Sounds in den Country- und Roots-Sektor ein, lud sich die irischen Folker The Pogues ins Studio und sang auf dem sakralen „Nothing But a Child“ mit Maria McKee. Das Album brachte Earle nicht nur Vergleiche mit Bruce Springsteen und John Mellencamp ein, sondern öffnete ihm auch die Türen zu einer Mainstream-Rock-Zielgruppe.

Steve Earle – „Copperhead Road“ (1988):

Waren die kommenden Jahre von Earles Drogen-Sucht sowie dem darauffolgenden Aufenthalt in der Entziehungsanstalt gezeichnet, zeigte er sich 1996 mit dem Comeback-Album Train a Comin‘ , welches eine Rückkehr zu traditionellen Country- und Folk-Klängen demonstrierte, geläutert. Zusammen mit der Del McCoury Band ging er 1999 in Sachen Wurzelforschung sogar noch einen Schritt weiter und veröffentlichte das Bluegrass-Album The Mountain. Als erklärter Todestrafen-Gegner, und auch mit seiner offen linksliberalen politische Gesinnung nie hinter dem Berg haltend, bot die infolge der Terroranschläge vom 11. September 2001 ins Wanken geratene Weltordnung Earle ein neues Kommentarfeld. Sein zehntes, 2002 veröffentlichtes Studioalbum, Jerusalem, beschäftigte sich explizit mit der Post-9/11-Thematik, wobei insbesondere der Song „John Walker’s Blues“ über den amerikanischen Taliban-Kämpfer John Walker Lindh in den USA Kontroversen auslöste und polarisierte.

Steve Earle – „Jerusalem“ (2002):

Davon abgesehen fand Steve Earles Talent in Musikkreisen größere Beachtung als bisher. Die Alben The Revolution Starts Now (2004) und Washington Square Serenade (2007) brachten dem bereits mehrfach Nominierten endlich jeweils einen Grammy-Gewinn in der Kategorie des besten zeitgenössischen Folk/Americana-Albums ein, sein Tributalbum Townes (2009), zu Ehren des Freunds und Lehrmeister Townes Van Zandt, bescherte ihm gar den Grammy-Hattrick.

Steve Earle – „Pancho & Lefty“ (2009):

Nachdem Earle nebenbei seine Karriere als Schauspieler lanciert hatte und in den preisgekrönten HBO-Serien The Wire und Treme glaubwürdig zwei Charaktere – einen Ex-Junkie und einen Straßenmusiker – verkörperte, veröffentlichte er 2011 zunächst eine Kurzgeschichtensammlung und schließlich sein Roman-Debüt I’ll Never Get Out of This World Alive (ein gleichnamiges Album erschien im selben Jahr). Beides Nebenbetätigungen, die ihn nach eigener Einschätzung als Geschichtenerzähler haben reifen lassen. „Die Schauspielerei hat sicherlich ihren Teil dazu beigetragen. Mir fällt es nunmehr leichter, in Charaktere und Rollen zu schlüpfen, wenn ich einen Song darbiete“, erklärte Earle 2013 in einem Interview, „Das Schauspielern und auch das Schreiben von Prosa haben mich zu einem besseren Songwriter gemacht.“

Für sein sechzehntes Album, Terraplane, stilistisch eine Hommage an den Blues, begab sich Earle 2015 nach seiner siebten Scheidung (sein Sohn Justin Townes Earle aus der dritten Ehe mit Carol-Ann Hunter trat in die Singer-Songwriter-Fußstapfen seines Vaters) auch musikalisch auf typisches Trennungs-Terrain. Colvin & Earle (2016), eine Kollaboration mit der Singer-Songschreiberin Shawn Colvin indes stand mit Cover-Songs und Eigenmaterial ganz in der Folk- und Country-Tradition des (gemischten) Harmonie-Gesangs.

Mit seinem aktuellen Album So You Wanna Be An Outlaw (2017) kehrte Steve Earle zusammen mit The Dukes nicht nur zurück zu seinen Wurzeln, der Titel dürfte auch jüngere Künstler, die sich im Genre probieren, provozieren und mit dem Mythos des Outlaws abrechnen.

Bleibt an dieser Stelle also nur noch eines übrig, nämlich dem 63-jährigen Geburtstagskind zu einer bewegten und bewegenden Karriere zu gratulieren, die (hoffentlich) noch lange währt. In Anbetracht der aktuellen politischen Entwicklung und Stimmung in den USA kann man sich so gut wie sicher sein, dass Steve Earle die Geschichten nicht ausgehen und seine kritische Stimme auf zukünftigen Alben wieder lauter wird.

Hört hier einige der wichtigsten Steve Earle-Songs, von unserem Autor Frank Thießies zusammengestellt:

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