Vor zwei Monaten verabschiedete sich Glen Campbell mit dem Album Adiós von seinen Fans und dem Musikbusiness. Ein wunderschönes Album, für welches die Country-Legende zu Beginn seiner Alzheimer Erkrankung 2012 mit Familie und Freunden ein letztes Mal ins Studio ging, um zwölf Songs, die er liebte – die er aber nie in seiner langen Karriere eingespielt hatte –, endlich aufzunehmen.

Gestern am 8. August 2017 starb der 1936 in Delight, Arkansas, geborene Glen Travis Campbell. Wir blicken zurück auf die Karriere des Rhinestone Cowboys, dessen Musik – wie seine Tochter Ashley Campbell (siehe Titelfoto) so schön beschrieb – „die Leben so vieler Menschen berührt [hat].“

Seht hier das bewegende Musikvideo zum Song „Adiós“, das vor wenigen Wochen veröffentlicht wurde, und begleitet Glen Campbells Gitarre auf einer letzten Reise durch Amerika:

Als der blonde, Gitarre spielende Sonnyboy mit 22 Jahren das ländliche Delight verließ, um in Los Angeles als Studiomusiker sein Glück zu versuchen, war sein erklärter Berufswunsch: „Studiomusiker“. Mit Fleiß, Ausdauer und vor allem mit bemerkenswertem Talent, gelang Glen Campbell tatsächlich der Zutritt in einen erlauchten Kreis der besten Session-Musiker der Stadt: Er war Teil der legendären, 2008 mit einem Kinofilm gewürdigten Wrecking Crew – ein gutes Dutzend Hochtalentierter, die für die größten Stars der Zunft die Musik beisteuerten: Für Elvis genauso wie für Frank Sinatra, für die Beach Boys, die Righteous Brothers und die Monkeys. Insgesamt hatte diese Musikerelite bei über unvorstellbaren 40.000 Produktionen ihre Finger mit im Spiel. In diesen Session-Jahren lernte Glen Campbell an der Gitarre alles was es zu lernen gibt. Alle Licks, alles Riffs, alle Akkorde. Er war im Pop genauso versiert wie im Rock´n´Roll; er hatte Jazz-Skalen und Country-Picking drauf. Er war schlichtweg: grenzenlos.

Und dazu noch mit einem apartem Äußeren und einer angenehmen Stimme gesegnet. Die Solo-Karriere war da nicht nur logische Konsequenz, sie drängte sich ihm geradezu auf. Dennoch kam sie nur, gelinde gesagt, sehr schleppend die Gänge. Seine ersten fünf Alben in den frühen 60er Jahren blieben mehr oder weniger unbeachtet und somit ungehört. Klassische Flops. Doch damals tickten die Uhren in den Plattenfirmenbüros etwas anders als heute. Langsamer, geduldiger. Man gab den Künstlern die Zeit, die sie zur Entfaltung ihrer Talente benötigten.

„Heartbroken. I owe him everything I am, and everything I ever will be. He will be remembered so well and with so much love“ schrieb die 30-Jährige Tochter Ashley Campbell auf Facebook

Im Falle von Glen Campbell: völlig zu Recht – wie spätestens das 1967 veröffentlichte Album Gentle On My Mind bewies. Das mit Platin ausgezeichnete Werk eroberte Platz eins der Country- und Platz fünf der Hot 100-Charts. Zudem läutete es das neue Leben des Glen Campbell ein – das des Superstars, des TV- und Magazin-Lieblings. Noch im gleichen Jahr legte Campbell mit dem ähnlich erfolgreichen Album By The Time I Get To Phoenix nach. Der Titeltrack aus der Feder des Songwriting-Genies Jimmy Webb markierte den Beginn einer der schönsten und am längsten andauernden Kooperationen in der Musikgeschichte: Campbell und Webb. Das war die Country gewordene Antwort auf Lennon und McCartney, auf Jagger und Richards. Zwei, die sich ergänzten und das jeweils Beste aus dem anderen herausholten. Den beiden gelang mit  zeitlosen Evergreens wie „Galveston“, „Where’s The Playground Susie“ und vor allem mit dem Jahrhundert-Song „Wichita Lineman“, die seltene Symbiose aus Anspruch und Kommerz. Gänsehaut-Melodien treffen hier auf tief gehende Texte, komplizierte Harmonieverbindungen auf mehrheitsfähige Arrangements.

Als Campbell 1975 den „Rhinestone Cowboy“ aufsatteln ließ, um ihn zurück ins Rampenlicht zu befördern, konnte er aber nicht nur auf eine imposante Hit-Bilanz zurückblicken: Er verbuchte zu dem Zeitpunkt bereits fünf Grammys, eine eigene CBS-Serie und eine beachtliche Karriere als Hollywood-Schauspieler (darunter auch True Grit an der Seite von John Wayne). Kurz: Er war ein Superstar ohne Wenn und Aber. Mit allen Vor- und Nachteilen.

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Glen Campbell spielte neben John Wayne in „True Grit“ (1969)

Wie so viele hatte auch der vier Mal verheiratete und Vater von acht Kindern mit Alkohol und Drogen zu kämpfen. Er durchlebte Krisen und Rückschläge und manches Album aus den 90er Jahren oder im neuen Jahrtausend landete irgendwo im Musik-Nirwana. Manches zu Recht, manches hätte größeren Zuspruch verdient. Es muss wohl die unglaubliche Liebe von Glen Campbell zur Musik gewesen sein, die ihn nie verbittern ließ. Mit schöner Regelmäßigkeit veröffentlichte er Alben, immer wieder ging er auf Tour, um seine schönsten Songs mit seltener Inbrunst zu interpretieren. Selbst als er 2011 die niederschmetternde Alzheimer-Diagnose erhielt. Er stellte sich der Krankheit, er sang gegen sie an. Am schönsten und bewegendsten auf der 2014 erschienenen CD I’ll Be Me und dem großartigen Song „I’m Not Gonna Miss You“. Wer weiß, vielleicht hat noch nie jemand vorher eine furchtbare Krankheit in so schöne Töne und ergreifende Worte verpackt, wie es Glen Campbell hier gelang.

Nun ist der große Künstler Glen Campbell von uns gegangen – doch er wird bei allen Musikliebenden im Gedächtnis bleiben.

Hört hier unsere Playlist mit den 20 schönsten Songs Glen Campbells:

Das Titelfoto zeigt Glen Campbell mit seiner jüngsten Tochter Ashley Campbell (c) Universal Music / Henry Diltz