Am 13. Januar 1968 spielte Johnny Cash zwei Konzerte in der kalifornischen Haftanstalt Folsom State Prison. Das daraus resultierende und im Mai veröffentlichte Live-Album, At Folsom Prison, sollte als sympathisches wie empathisches Sträflings-Statement in die Musikgeschichte eingehen, genauso wie es Cashs ins Straucheln geratene Karriere rehabilitieren würde.

At Folsom Prison mag sicherlich zu den bekanntesten Alben Cashs zählen. Weniger bekannt dürfte hingegen die Tatsache sein, dass der Mann in Schwarz nicht der Erste war, der ein Album im Gefängnis aufnahm: Fünf Jahre zuvor hatte bereits ein Insasse namens Charles Lee Guy III ein Demo an die Plattenfirma Capitol Records geschickt, die in einer Albumaufnahme im Gefängnis eine Gelegenheit witterten. Gebührt jener unter dem Titel The Prisoner’s Dream (1963) veröffentlichten Songsammlung traditioneller Knast-Folklore auch der musikhistorische Vortritt, kommt sie – verglichen mit Cashs wegweisenderem Werk – über den Status einer (amüsanten) Räuberpistolen-Randnotiz jedoch nicht hinaus.

Cashs Faszination für das Zuchthaus Folsom lässt sich bereits auf Anfang der Fünfziger zurückverfolgen. Damals noch als Soldat der US-Air-Force im bayrischen Landsberg stationiert, hinterließ eine Vorstellung des Thrillers Inside The Walls Of Folsom Prison (1951) bei Cash einen bleibenden Eindruck. Inspiriert von der Gefängnis-Geschichte verfasste der Sänger mit dem markanten Bariton seinen „Folsom Prison Blues“  – auf musikalisch und lyrisch leicht modifizierter Grundlage des Gordon Jenkins Stücks „Crescent City Blues“ (1953). Zwei Jahre später aufgenommen, stellte der Erfolg von „Folsom Prison Blues“, Cashs zweiter Single für Sun Records, sogar sein Debüt „Hey, Porter“ in den Schatten.

Der Grundstein war gelegt und einem ersten Auftritt im Huntsville State Prison im Jahre 1957 würden weitere Gefängnisgastspiele folgen. Die schon früh gehegte Idee, ein vollständiges Konzert im Strafvollzug mitzuschneiden und auf Platte zu veröffentlichen, kam allerdings erst etliche Jahre später zur Umsetzung. Begünstigt von personellen Umstrukturierungen bei seiner Plattenfirma Columbia Records und auf der Suche nach einem Katalysator für ein Comeback, bot sich für den unlängst von seinem Drogenkonsum geläuterten Cash im liberalen Klima von 1968 schließlich die Chance. Nach zweitägigen Proben begab sich das Ensemble aus Cash, June Carter, den Tennessee Three, Carl Perkins sowie den Statler Brothers für zwei Auftritte, einer morgens um 09:40 Uhr, einer mittags um 12:40 Uhr, auf die Gefängnis-Bühne. Der jeweilige Set-Opener? Natürlich: „Folsom Prison Blues“.

Johnny Cash – „Folsom Prison Blues“ (1968):

Doch auch der Rest der Songauswahl für den Doppel-Gig hinter Gittern hätte passender nicht ausfallen können: Von „Cocaine Blues“ über die sprichwörtliche Galgenhumor-Schnurre „25 Minutes To Go“ bis hin zur traditionsreichen Mörderballade „The Long Black Veil“ oder „I Got Stripes“ reicht das Programm, welches darüber hinaus durch Duette mit June Carter („Jackson“, „Give My Love To Rose“) und deren komödiantisches Talent aufgehübscht wurde und somit insbesondere im Männer-Knast-Kontext für eine zusätzliche Prise knisternder Spannung und Sinnlichkeit sorgte.

Davon abgesehen, ist es natürlich in erster Linie Cash, der – auch wenn er selbst nie im Zuchthaus gesessen hatte – in Interaktion mit seinem inhaftierten Publikum aufblüht und dessen herrlich süffisante, schmalgradig zwischen antiautoritärer Attitüde und verständnisvoller Kumpelhaftigkeit changierende Ansagen und sympathischen Patzer diesem Konzert eine ganz besondere Atmosphäre verleihen.

Den effektivsten und rührendsten Moment spart sich der Man in Black allerdings bis zum Schluss auf. Cashs überraschende Intonation des vom im Publikum anwesenden Insassen Glen Sherley komponierten Liedes „Greystone Chapel“ bildet das große emotionale Finale eines unvergleichlichen Auftritts.

Johnny Cash – „Greystone Chapel“ (1968):

At Folsom Prison entwickelte sich schnell auch jenseits der Gefängnismauern zu einem durschschlagenden Erfolg. Neben euphorischen Kritiken erklomm die Platte im Erscheinungsjahr Platz Eins der US-Country-Charts und sicherte sich zudem die Position 13 innerhalb der US-Pop-Alben-Rangliste. Für Johnny Cash sollte es nicht bei diesem triumphalen musikalischen Gefängnisbesuch bleiben. 1969 folgte mit At San Quentin ein zweiter, ebenfalls höchst populärer, Showmitschnitt hinter schwedischen Gardinen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Hört hier rein in den Album-Klassiker:

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