„Finde die Musik, die deine Nackenhaare zu Berge stehen lassen.“ Das war der Rat, den sein Musiklehrer Gabriel Kelley als Teenager gab, als dieser noch Popmusik hörte und gerade anfing seinen eigenen Geschmack zu entwickeln. Und begriff, dass er weit mehr konnte, als zu seinen Lieblingssongs mit zu wippen. Diese Worte wurden zu Kelleys Mantra, nicht nur als Zuhörer, sondern auch als Singer-Songwriter, dessen Texte von Herzen kommen und der sich so auf eine sehr intime Ebene mit seinem Publikum begibt.

Diese Mission brachte ihn um die halbe Welt: vom ländlichen Georgia nach Schweden und Guatemala, nach Nashville und in so gut wie jede Stadt Amerikas. Auf seinen Reisen spielte er unzählige Shows, einige als Straßenmusiker, andere in Konzerthallen. Seine Stimme zeichnet sich durch den schwermütigen Klang aus, seine Songtexte durch ihre Direktheit. Kelleys Album It Don’t Come Easy wurde von den Kritikern gefeiert, ebenso seine aktuelle Nachfolger-LP Lighter Shades Of Blue.

Seine Geschichte beginnt in der Kleinstadt Danielsville, in der Nähe von Athens, des Bundesstaates Georgia, wo er auf der Farm seiner Familie groß wurde. “Meine Eltern waren Hippies der 60er“, erklärt er. “Keine dieser LSD-Hippies, mehr die lasst-uns-in-den-Wald-und-so-Leben-wie-wir-möchten-Hippies. Alles was wir aßen, bauten wir selbst an. Wenn wir uns im Winter warm halten wollten, mussten meine Brüder und ich Holz hacken gehen. Es war eine Art progressive, grüne Lebensweise, abseits des Systems. Das hatte etwas.“

Diese Erfahrungen prägten auch seine Liebe zur Natur und eine ethische Arbeitsweise, aber brachten ihn auch in jungen Jahren schon der Musik nahe. Die Hippie-Farmer in Danielsville kamen regelmäßig zusammen um ihre Ernte zu teilen. “Wir haben oft zusammen gesessen und Instrumente gespielt“, erinnert sich Kelley. “Alle saßen zusammen am Feuer und sangen, das war Teil unserer Gemeinschaft“.

So idyllisch dieses Leben auch war, wusste Kelley, dass er auch ein paar echte Erfahrungen sammeln wollte. “Als Kind rebelliert man – ich wollte einfach raus und die Welt entdecken“. Gerade mal alt genug um seinen Führerschein zu machen, nahm er an einem Austauschprogramm in Schweden teil und lebte schon bald fernab seiner Wurzeln. Ein großer Schritt für einen Teenager – besonders dann, wenn man nicht mal der fremden Sprache mächtig war. Aber das ließ ihn nur noch härter arbeiten.

Gabriel Kelley verkaufte sein gesamtes Hab und Gut - bis auf seine geliebte Gitarre.

Gabriel Kelley verkaufte sein gesamtes Hab und Gut – bis auf seine geliebte Gitarre.

In Göteburg besuchte Kelley Kurse in amerikanischer Musik: Funk und Soul, Rock und Folk, Blues und Jazz. Dort lernte er nicht nur die Geschichte der Genres, sondern auch ihre Unterschiede kennen. “Der Lehrer gab einen Song vor, zum Beispiel James Browns ‚Sex Machine‘, man versuchte ihm zu folgen und lernte die Geschichte dahinter. Am Ende der Stunde teilten wir uns in Bands auf, gingen ins Studio und fingen an das Material zu spielen“. Dadurch erlangte Kelley nicht nur ein fundiertes Wissen über die amerikanische Popmusik – die Art, die einem die Nackenhaare zu Berge stehen lässt – sondern merkte auch, dass er seine Berufung gefunden hatte.

Er verlor keine Zeit das Gelernte in die Tat umzusetzen. Zurück in den Staaten kaufte der damals 18-Jährige einen Van, richtete sich darin einen Schlafplatz ein und fuhr durch ganz Nordamerika. “Ich war immer der Meinung, dass wenn man gute Songs – also richtig gute und bedeutsame Songs – schreiben will, man Lebenserfahrung braucht. Also fing ich an durch das Land zu reisen und versuchte auf sämtliche Arten Geld zu verdienen um es in die nächste Stadt zu schaffen. Ich ging hinaus und lebte“.

„Ich versuche bloß die gefühlvollsten Songs zu schreiben, die ich kann.“ – Gabriel Kelley

Nachdem er sich kurz in Athens, Georgia, niederließ, erhielt Kelley das Jobangebot, von dem wohl die meisten Leute träumen dürften: Songschreiber für Countrymusiker, insbesondere für Tim McGraw. Er verkaufte den Van und ging nach Nashville, wo er schnell gegen die Einschränkungen des Mainstream-Radio-Formates sträubte. “Ich schrieb einen Song bei der Arbeit um dann nach Hause zu gehen und einen für mich selbst als Ausgleich zu schreiben“, sagt er. “Es fühlte sich so an, als sei ich ein bildender Künstler und würde dafür bezahlt, immer und immer wieder das McDonalds Logo zeichnen zu müssen“. Nichts von dem, das er schrieb, hatte eine Regung auf seine Nackenhaare.

Also verkaufte er sein Haus und all seine Besitztümer (bis auf seine geliebte Gitarre), kaufte dafür ein Vintage-Wohnmobil und machte sich wieder auf die Reise. Während er dieses Mal nicht mehr als Straßenmusiker auftrat oder Müllcontainer durchwühlte, schaffte er es, sich einen Schreibstil anzueignen, bei dem jedes Wort und jede Melodie absolut wahrhaftig war. “Es gab diesen Moment als ich begriff, dass wenn ich nicht jedes einzelne Wort auch so meine, wie ich es sage, ich keine Berechtigung habe auf der Bühne zu stehen. Das hat mich geprägt“.

Heute verbringt er seine Zeit noch immer unterwegs. Wenn er nicht gerade auf Tour ist, lässt er sich nordöstlich von Nashville in seinem eigenen Fleck Grün nieder. Dieser Ort erinnert ihn an zuhause, nicht nur die schöne Landschaft, sondern auch die Verantwortung. Sobald eine Tour beendet ist, parkt er sein Wohnmobil, buddelt Süßkartoffeln aus, gräbt Beete um oder bessert Zäune aus.

Nun fängt ein neuer Abschnitt seiner Karriere an: sein neues Album Lighter Shades Of Blue wurde im Herbst veröffentlicht, eine Tour durch Schweden hat er schon hinter sich sowie eine Performance in der preisgekrönten TV-Show Jills Veranda des schwedischen Countrysängers Jill Johnson. Obwohl er schon einiges erreicht hat, sieht sich Kelly stets als Lehrling: immer auf der Suche nach neuem Unterricht, neuen Herausforderungen und neuer Inspiration. “Ich versuche bloß die gefühlvollsten Songs zu schreiben, die ich kann. Ich stehe morgens früh auf und tue genau das an so vielen Orten und auf so unterschiedliche Art und Weise wie möglich.“

Hier könnt ihr das neue Album von Gabriel Kelley hören: