Gary Allan ist der sexy Outlaw, den viele Singer-Songwriter der heutigen Country-Generation auch gern verkörpern würden. Er hat es nie darauf angelegt. Einer seiner frühen Hits im Radio war ein akustischer Hidden Track auf seinem zweiten Album, in dem es um einen Restaurantbesitzer geht, den Junkies überfallen, um an Geld für Drogen zu kommen.

Allans Stimme klingt unpoliert, rau. Er hat die Aura eines Mannes, der wenig redet, weil er schon zuviel erlebt hat. Wenn er den Mund aufmacht, dann treffen seine Worte ins Schwarze. Seine Musik hat eine „düstere, verträumte Stimmung, strahlt eine abgründige faszinierende Gefahr aus“ (Entertainment Weekly). Das Magazin Nashville Scene nennt Allan in einem Atemzug mit Neil Young. Stilistisch ist der 47-Jährige jedoch mehr ein Erbe der Bakersfield-Szene seiner Heimat Kalifornien, die in den 1950ern den Gegenpol zum (vergleichsweise polierten und seichten) Nashville-Sound bildete. Buck Owens und Merle Haggard sind seine Helden, und das Bling-Bling von Nashvilles Country-Pop-Szene ist nicht seins: „Country-Musik beschreibt, was unter der Woche passiert, den normalen Alltag“, kommentierte er einmal.

Jeder Country-Fan kennt seine Nr-1-Hits „Nothing On But the Radio“ oder „Tough Little Boys“. Zuletzt eroberte er 2012 und 2013 die US-amerikanischen und kanadischen Countrycharts mit der Single „Every Storm (Runs Out Of Rain)“. Der Radio-Hit war Allans elfte Country-Top-10-Single in den USA. Seine seit 1996 veröffentlichten neun Studio-Alben haben sich dort über sechs Millionen Mal verkauft.

Mit 12 begann Allan, in den Honky Tonk-Bars seiner Heimatstadt La Mirada im Süden Kaliforniens aufzutreten, zuerst in der Band seines Vaters, dann in seiner eigenen. Bereits als Teenager bekam er von A&M Records das Angebot eines Plattenvertrags, lehnte jedoch ab, um die Highschool zu beenden. Nach der Schule machte er aber direkt weiter mit der Musik. Mit seiner nächsten Band, den Honky Tonk Wranglers, wurde er zur lokalen Attraktion. 1993 nahm ihn der Talentscout Jim Seal unter seine Fittiche und brachte Allan mit dem Songwriter und Produzenten Byron Hill (George Strait, Randy Travis), zusammen, der ihm von da an regelmäßig Songs zuschickte, von denen Allan Demos aufnahm. Doch der Erfolg ließ auf sich warten.

Zwischendurch jobbte Allan als Autoverkäufer. Eines Tages vergaß er eines seiner Demotapes im Handschuhfach eines Trucks, den ein wohlhabendes Pärchen kaufte. Als sie es entdeckten, schickten sie ihm einen Scheck über 12.000 Dollar. Allan nahm das Geld, fuhr nach Nashville und nahm selbst die Sache in die Hand. 1996 erschien beim Decca Nashville-Label sein Debütalbum Used Heart for Sale, auf dem sein Potential klar durchschien, gefolgt vom leider überproduzierten Zweitling It Would Be You. Auf seinem dritten Album Smoke Rings in the Dark, das bei MCA Nashville erschien, hatte der damals 32-Jährige seinen Sound gefunden. Souverän zog Smoke Rings in the Dark 1999 in die US-amerikanischen Country-Top-10  ein und hat heute Platin-Status. Mit den Jahren wurde Allan immer besser. Sein Erfolg hielt auch auf den folgenden beiden Studio-Alben Alright Guy (mit seiner ersten Nr.-1-Single „Man to Man“) und See if I Care an.

2004 schien Allan nichts mehr aufhalten zu können. Er lebte mit seiner dritten Frau und einer achtköpfigen Patchwork-Familie in einer Villa mit Seegrundstück außerhalb Nashvilles. Im Oktober des Jahres brachte sich seine Frau um, es war der Schock seines Lebens. Allan sagte alle beruflichen Aktivitäten ab. Schnell wurde ihm jedoch klar, dass es außer der Musik keine Therapie für ihn gab. Sein 2005 veröffentlichtes, herzergreifend persönliches Album Tough all Over, nannte die Presse ein „kühnes Werk voller seelendurchdringender Schönheit“.

Country-Fans, die Allans Karriere seit den 1990ern verfolgt haben, werden auch in seinem neunten Studio-Album, Set You Free von 2013, dunkle Abgründe erkennen. Allan erzählt dort von einem Mann, der sich nach einer gescheiterten Beziehung der Einsamkeit stellt und schließlich triumphiert – seine eigene Geschichte. Die Song-Sammlung spielte er mit seinem langjährigen Weggefährten Mark Wright (Gretchen Wilson, Lee Ann Womack) ein, dem vielseitigen mysteriösen preisgekrönten Jay Joyce (Eric Church, Cage The Elephant, The Wallflowers) und Greg Droman (Brooks & Dunn). 17 Jahre nach seinem Debüt war Gary Allan in Top-Form zurückgekehrt. Im November 2014 wählten die Leserinnen des Country-Weekly-Magazins den Single auf Platz 5 der Most Sexy Men in Country. Der durchtrainierte, 1,80 m große Singer-Songwriter, der immer noch regelmäßig surft und Bikram-Yoga betreibt, stellte die Meldung auf seine Webseite.

Seit 2015 veröffentlichte Allan die drei Singles „Hangover Tonight“, „Do You Wish It Was Me?“ und „Mess Me Up“. Sein zehntes Studioalbum Hard Way wird voraussichtlich 2018 erscheinen.

Hört hier rein in Gary Allans Greatest Hits: