Glen Campbell – Mehr als ein „Rhinestone Cowboy“

Glen Campbell verknüpfen die meisten Musikfreunde vor allem mit seinem Evergreen „Rhinestone Cowboy“. Ein guter Song, keine Frage – dennoch aber nur die Hit-Spitze des Karriere-Eisbergs. Der Versuch einer Richtigstellung.

„Rhinestone Cowboy“ kam 1975 für Glen Campbell so gerufen wie ein Regen nach einer langen Trockenzeit. Auch den Musiker aus Arkansas dürstete es damals Mitte der 70er Jahre nach Erfolgen. Nach weiteren Hits und Anerkennung. Seine letzten Alben fuhren nur bescheidene Erfolge ein. Werke wie Houston (I’m Comin’ To See You), das gut gemeinte Tribut I Remember Hank Williams oder das gemeinsam mit Tennessee Ernie Ford entstandene Ernie Sings & Glen Picks bescherten dem erfolgsverwöhnten Musiker zwar wohlwollende Kritiken und aufmunternde Anerkennung der Nashville-Gemeinde – nicht aber die erhofften Charts-Platzierungen. Zumindest nicht solche, mit denen sich einer wie Glen Campbell zufrieden hätte geben können.

Mit „Rhinestone Cowboy“ war er aber wieder im Sattel. Und wie: Platz eins in den amerikanischen Country- und Hot 100-Charts. Und auch in Europa konnte man sich gar nicht an der wehmütig-sonnigen Ode an die guten Kerle satt hören. Er hat bewiesen, dass er es noch immer drauf hat.

Noch immer? Viele deutsche Musikkonsumenten machten mit der Larry Weiss Komposition schließlich erstmals Bekanntschaft mit der warmen Stimme des Countrysängers. Für sie war er: ein Newcomer. Dabei war Campbell 1975 schon eher ein Veteran im Musikbusiness. Allemal ein alter Hase, unglaublich erfahren, mit allen musikalischen Wassern gewaschen. Das musste er auch sein. Denn als der blonde, Gitarre spielende Sonnyboy mit 22 Jahren das ländliche Delight verließ, um in Los Angeles als Studiomusiker sein Glück zu versuchen, war sein erklärter Berufswunsch „Studiomusiker“. Mit Fleiß, Ausdauer und vor allem mit bemerkenswertem Talent gelang Glen Campbell tatsächlich der Zutritt in einen erlauchten Kreis der besten Session-Musiker der Stadt: Er war Teil der legendären, 2008 mit einem Kinofilm gewürdigten Wrecking Crew – ein gutes Dutzend Hochtalentierter, die für die größten Stars der Zunft die Musik beisteuerten: Für Elvis genauso wie für Frank Sinatra, für die Beach Boys, die Righteous Brothers und die Monkeys. Insgesamt hatte diese Musikerelite bei über unvorstellbar 40.000 Produktionen ihre Finger mit im Spiel. In diesen Session-Jahren lernte Glen Campbell an der Gitarre alles was es zu erlernen gibt. Alle Licks, alles Riffs, alle Akkorde. Er war im Pop genauso versiert wie im Rock ´n´ Roll, er hatte Jazz-Skalen und Country-Picking drauf. Er war schlichtweg: grenzenlos.

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Glen Campbell wurde am 22. April 1936 in Delight, Arkansas geboren. Sein erklärter Berufswunsch war es, Studiomusiker zu werden.

Und dazu noch mit apartem Äußeren und einschmeichelnder Stimme gesegnet. Die Solo-Karriere war da nicht nur logische Konsequenz, sie drängte sich ihm geradezu auf. Dennoch kam sie nur, gelinde gesagt, sehr schleppend die Gänge. Alle seine ersten fünf Alben in den frühen 60er Jahren blieben mehr oder weniger unerhört und unbeachtet. Klassische Flops. Doch damals tickten die Uhren in den Plattenfirmenbüros etwas anders als heute. Langsamer, geduldiger. Man gab den Künstlern die Zeit, die sich zur Entfaltung ihrer Talente brauchten. Im Falle von Glen Campbell: völlig zu Recht – wie spätestens das 1967 veröffentlichte Album Gentle On My Mind bewies. Das mit Platin ausgezeichnete Werk eroberte Platz eins der Country- und Platz fünf der Hot 100-Charts. Und es läutete auch noch das neue Leben des Glen Campbell ein – das des Superstars, des TV- und Magazin-Lieblings. Noch im gleichen Jahr legte Campbell mit dem ähnlich erfolgreichen Album By The Time I Get To Phoenix nach. Der Titeltrack aus der Feder des Songwriting-Genies Jimmy Webb markierte den Beginn einer der schönsten und am längsten andauernden Kooperationen in der Musikgeschichte: Campbell und Webb. Das war die Country gewordene Antwort auf Lennon und McCartney, auf Jagger und Richards. Zwei, die sich ergänzten und das jeweils Beste aus dem anderen herausholten. Den beiden gelang mit  zeitlosen Evergreens wie „Galveston“, „Where’s The Playground Susie“ und vor allem mit dem Jahrhundert-Song „Wichita Lineman“ die seltene Symbiose aus Anspruch und Kommerz. Gänsehaut-Melodien treffen hier auf tief gehende Texte, komplizierte Harmonieverbindungen auf mehrheitsfähige Arrangements.

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Glen Campbell spielte neben John Wayne in „True Grit“ (1969)

Als Campbell 1975 den „Rhinestone Cowboy“ aufsatteln ließ, um ihn zurück ins Rampenlicht zu befördern, konnte er aber nicht nur auf eine imposante Hit-Bilanz zurückblicken: Er verbuchte zu dem Zeitpunkt bereits fünf Grammys, eine eigene CBS-Serie und eine beachtliche Karriere als Hollywood-Schauspieler (darunter auch True Grit an der Seite von John Wayne). Kurz: Er war ein Superstar ohne Wenn und Aber. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Wie so viele hatte auch der vier Mal verheiratete und Vater von acht Kindern mit Alkohol und Drogen zu kämpfen. Er durchlebte Krisen und Rückschläge und manches Album aus den 90er Jahren oder im neuen Jahrtausend landete irgendwo im Musik-Nirwana. Manches zu Recht, manches hätte größeren Zuspruch verdient. Es muss wohl die unglaubliche Liebe von Glen Campbell zur Musik sein, die ihn nie verbittern ließ. Mit schöner Regelmäßigkeit veröffentlichte er Alben, immer wieder ging er auf Tour um seine schönsten Songs mit seltener Inbrunst zu interpretieren. Selbst als er 2011 die niederschmetternde Diagnose bekam, dass er an Alzheimer erkrankt sei. Er stellte sich der Krankheit, er sang gegen sie an. Am schönsten und am bewegendsten auf der 2014 erschienenen CD I’ll Be Me und dem großartigen Song „I’m Not Gonna Miss You“. Wer weiß, vielleicht hat noch nie jemand vorher eine furchtbare Krankheit in so schöne Töne und ergreifende Worte verpackt, wie es Glen Campbell hier gelang. Seine Erinnerung mag schwinden – doch er wird bei allen, die Musik lieben, im Gedächtnis bleiben. Nicht nur mit seinem „Rhinestone Cowboy“.