Jamey Johnson lässt sich in keine Schublade stecken, er ist einfach 100% Jamey Johnson. Der 41-Jährige mit der langen Haarmatte und dem Biker-Vollbart singt Songs zum Hinhören. Viele halten ihn für einen Outlaw. Es gibt nicht den geringsten Anflug von Country-Pop in seiner Musik. Im US-amerikanischen Format-Radio möchte der Mann aus Alabama sich selbst nicht hören. Mit seiner markanten, oft melancholischen, manchmal grummelnden Bariton-Stimme greift er die Country-Tradition auf.

Parallel gehört Johnson zu Nashvilles profiliertesten Songschreibern. Er ist ein Music-Row-Pro, der Songs für jede Jahreszeit aus dem Ärmel schütteln kann, darunter George Straits Nr.-1-Hit „Give It Away“, die Single “Honky Tonk Badonkadonk” von Trace Adkins und sogar den Country-Pop-Hit „My Cowboy“, den Johnson vor Jahren für Jessie James komponierte, mit seinem alten Weggefährten Randy Houser. Es sei ein großartiges Gefühl, einen Song zu schreiben, mit dem jemand anders reüssiert, sagte Johnson im Interview – womit klar wird, wie wenig ihn selbst das Rampenlicht in der Glitzerwelt Nashvilles interessiert.

Johnsons eigene Songs faszinieren den Hörer vom ersten Takt an. Dort wandelt der für drei Grammys nominierte Singer-Songwriter in den Fußstapfen der ganz Großen. Johnson ist ein anspruchsvoller, brillanter Geschichtenerzähler in der Tradition von Waylon Jennings und Hank Williams, nicht zu vergessen sein Mentor Hank Cochran. Gerade mal vier Studio-Alben hat der Country-Rebell in seiner zwölfjährigen Karriere veröffentlicht. That Lonesome Song (2008) und The Guitar Song (2010) erreichten die US-amerikanischen Top-10 und verkauften Gold und Platin. Jeder Country-Fan kennt seine Ballade „In Color“.

Ganz starke Lyrics in dem Song „In Color“. Die Single erreichte Platz 9 der Country-Charts:

Das Handwerk des Singer-Songschreibers lernte Johnson als Kind, im Kirchenchor, den sein Vater leitete. Mit 10 beherrschte er das Fingerpicking auf der Gitarre. Die Musik von Hank Williams lief jeden Tag zu Hause. Nach ein paar Jahren College ging Johnson zur Marine. Danach begann er in den Clubs in Montgomery, Alabama, aufzutreten. Zur Jahrhundertwende zog er nach Nashville um und knüpfte dort Kontakte zum Country-Geiger Greg Perkins und der Sängerin Gretchen Wilson. Der Produzent Buddy Cannon verhalf ihm zu einem ersten Vertrag als Songwriter.

Nach einem unabhängig veröffentlichten Album nahm das Label BNA 2005 Johnson unter Vertrag, dort erschien sein zweites Album The Dollar. Nach einer Tour kündigte ihn BNA, weil es auf The Dollar keine Hitsingle gab. Johnson verschwand ein Jahr lang in der Versenkung. Um danach wie Phönix aus der Asche empor zu steigen, mit seinem Durchbruch-Album That Lonesome Song, das beim Major-Label Mercury Nashville erschien. „Klischeemäßig könnte man sagen: Alben wie diese gibt es heute nicht mehr“, kommentiert der All-Music-Guide. „Kaum ein moderner Country Singer-Songwriter kann heute noch Balladen schreiben, die Musik wird mit Sentimentalität überladen. Auf einem Album, das fast nur aus Balladen besteht, gerät Johnson kein einziges Mal in diese Falle. Die raue Emotion und der kaum kontrollierte Herzschmerz, den Johnson in diese Songs fließen lässt, stehen in keinem Verhältnis zum heutigen Country-Markt. Aber die Liebhaber klassischer Country Music wird das Album mit seiner emotionalen Tiefe und seinen starken Melodien berühren.“ Als das Doppelalbum The Guitar Song 2010 erschien überschlugen sich die positiven Kritiken und erneut landete der Sänger auf diversen Bestenlisten. Die zwei hervorragenden Alben wurden von Dave Cobb (Chris Stapleton, Jason Isbell) produziert. Für das 2016 von Dave Cobb veröffentlichtes Album Southern Family steuerte Johnson den Song „Mama’s Table“ bei.

Für das Video zu „Playing The Part“ führte Schauspieler Matthew McConaughey Regie und übernahm auch die Hauptrolle (als Gorilla):

2012 brachte Johnson in Gedenken an seinen Mentor Hank Cochran das für einen Grammy nominierte Tribute-Album Living For A Song heraus, auf dem unzählige Country- und Americana-Stars singen, darunter Alison Krauss, Willie Nelson, Emmylou Harris, Merle Haggard und Kris Kristofferson. Dadurch, dass er sich selbst treu geblieben ist, dass er im harten Konkurrenzkampf der Country-Szene auf den (eigenen) flüchtigen Chart-Triumph verzichtet, spielt Jamey Johnson heute in dieser Liga mit.

Jüngere musikalische Lebenszeichen von ihm waren eine düstere Version des Klassikers “You Are My Sunshine”, die er mit Marilyn Mansons Gitarristen Twiggy Ramirez und Shooter Jennings für den Soundtrack der Bikerserie Sons of Anarchy einspielte, gefolgt von einer Weihnachts-EP und zwei Songs „You Can“ und „Alabama Pines“, die er auf seinem eigenen Label herausbrachte.

„Ich hatte in meiner Karriere die Ehre, eine Menge verschiedener Helden kennen zu lernen“, sagte Johnson dem Magazin Nashville Scene. Nachdem ich viel Zeit mit George Strait und Willie Nelson und Kris Kristofferson, Merle Haggard und Hank Williams Jr. verbrachte, kann ich sagen, dass diese lebenden Legenden eigentlich nur eines miteinander verbindet: ein undressierbares Selbstbewusstsein. Du kannst nichts sagen oder tun, das George Strait davon abhalten wird, George Strait zu sein. Das strebe auch ich an.“

Hört hier das für den Grammy nominierte Tribute-Album Living For A Song (2012):