Nach fünfjähriger Studiopause kehrte Lee Ann Womack im Herbst 2014 mit einem neuen Album The Way I’m Livin‘ zurück, auf dem sie „den heutigen Country-Pop-Poserinnen kräftig in den Allerwertesten trete“ (schrieb das Londoner Musikmagazin Uncut). Eine Rückkehr zu alter Form also für erfolgreiche Sängerin, Songschreiberin und Gitarristin.

Als 1997 ihr Debütalbum erschien, war Womack die große weibliche Hoffnung des traditionellen Countrys, ein blondes Bollwerk gegen den Multi-Genre-Crossover-Sound, der zunehmend die Country-Charts bevölkerte. Mit ihren darauf folgenden fünf Alben zeigte die Texanerin, dass sie nicht so leicht zu vereinnahmen war.

Ihr Vater war Disc-Jockey eines Country-Radiosenders und prägte sie mit den größten Country-Klassikern. Lee Ann wusste früh, was sie wollte und war zielstrebig. Als College wählte sie South Plains Junior in Levelland – das einzige College, das Country Music als Hauptfach anbot. Logisch, dass sie danach direkt nach Nashville zog, wo sie auf die Belmont University ging. In den frühen 1990ern war sie bereits verheiratet, hatte ein kleines Kind, schrieb Songs und organisierte ihre eigenen Showcases. Eine Weile engagierte sie der Musikverlag Tree Publishing. Womack schrieb dort einige Songs für Bill Anderson und Ricky Skaggs, aber das war nicht, was sie wollte. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann unterschrieb sie bei Decca ihren ersten Plattenvertrag.

„Buckaroo“ war die vierte Singleauskopplung des Debütalbums:

Lee Ann Womack erschien zeitgleich mit Shania Twains Country-Crossover-Mega-Album Come On Over. Womack wurde öfter mit ihrer Namenscousine, der Teenage-Country-Pop-Sängerin LeAnn Rimes verwechselt. Egal. Den Geburtsnamen behielt sie natürlich, und ihren Sound in der Kerbe der klassischen Country-LPs von Dolly Parton, Reba McEntire und Tammy Wynette wollte sie auch nicht umarbeiten. Zum Glück. Denn die Fans des traditionellen Countrys wachten auf, kamen hinter dem Ofen hervor und kauften Lee Ann Womack wie geschnitten Brot. Wundervolle, „Tränen in der Kehle tragende, gottes-ehrliche Country Music“, nannte Billboard die erste Single “Never Again, Again”. Das Album kam Wochen nach Veröffentlichung in die Top-10 der Countrycharts, verkaufte sich millionenfach. 1998 erklärte die Association of Country Music sie zur besten neuen Sängerin.

Angetrieben davon erschien Womacks zweites Album Some Things I Know mit der Hitsingle “A Little Past Little Rock“, für die sie ihre erste Grammy-Nominierung bekam. Der absolute Durchbruch kam allerdings mit der Leadsingle ihres ebenso betitelten Folgealbums I Hope You Dance. Hier zeigte Womack, dass auch sie mal eben einen Crossover-Hit aus dem Ärmel schütteln konnte. Der Song schwappte über die Country-Chart-Grenze in die Popcharts und gilt heute als eine der größten Adult Contemporary-Hymnen der Jahrhundertwende. Das Album verkaufte über drei Millionen Exemplare in den USA. Und trotzdem nickten die good ole boys aus Nashville noch freudig mit den Köpfen. 2001 wählte die renommierte Country Music Association sie zur „Female Vocalist of the Year“. 

„I Hope You Dance“ wurde auch außerhalb vom Country zum Megahit:

Andere Preise ließen nicht auf sich warten: 2002 gewannen Lee Ann Womack und ihr Jugendidol Willie Nelson für ihre Single “Mendocino County Line“ den Grammy in der Kategorie „Best Country Collaboration with Vocals“. Ermutigt ging Womack auf ihrem nächsten Album Something Worth Leaving Behind noch einmal mehr auf die Pop-Schiene – und wurde diesmal vom Radio und der Presse wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen. Keine der Singles des Albums erreichte die Top-10. „Aus Nashvilles respektierter Sängerin ist hier eine Witzfigur geworden“, unkte USA Today. Die Fans hingegen blieben ihr treu. Für den Titelsong gab es eine Grammy-Nominierung.

Mit der Single “I May Hate Myself in the Morning” und dem Album-Nachfolger There’s More Where That Came From (2005) kam Womack mit Glanz und Gloria wieder zurück ins Herz von Nashville und in die Charts. Die exzellente Songsammlung in Vintage-Produktion gilt als ihr bestes. Zum ersten Mal arbeitete Womack auf dem darauf folgenden Longplayer Call Me Crazy (2008) mit dem Produzenten Tony Brown, einem Nashville-Urgestein zusammen, der integral in der Karriere von Reba McEntire und George Strait gewesen ist. Möglicherweise der Grund, warum Call Me Crazy den immens hohen Erwartungen nach There´s More… standhielt: „Gerade als man dachte, sie könne nicht mehr besser werden, überrascht einen Lee Ann Womack auf ganzer Linie“, applaudierte Billboard. Worauf die Country-Queen sich sechs Jahre lang weitgehend bedeckt hielt.

Mit ihrem Ehemann, dem Country-Produzenten Frank Liddell, spielte sie 2014 ihr Comeback-Album ein. Womacks älteste Tochter Aubrie Sellers erschien im selben Jahr als Gast auf David Nails Single „Brand New Day“ auf der Bildfläche und veröffentlichte Anfang 2016 ihr Debütalbum New City Blues.

Hört hier das Album The Way I’m Livin‘: