„Mit 50 bist du ein besserer Sänger als mit 30, weil dein ganzes Leben in deiner Stimme auftaucht.“ So zitierte Rosanne Cash im Februar 2015 in ihrer Dankesrede bei der Verleihung der Grammys den großen Ray Charles. Für ihr Album The River & The Thread mit der Single „A Feather´s Not A Bird“ gewann sie gleich dreimal Amerikas wichtigsten Musikpreis. Die Anspielung machte Johnny Cashs Tochter, weil sie 1986, mit 30, ihren ersten Grammy nach Hause holte, für den Song „I Don’t Know Why You Don’t Want Me“.

Mit der musikalischen Reife hat Rosanne Cash mehr Selbstvertrauen geschöpft. Die Grammys machten sie nicht mehr nervös, sagte sie dem Rolling Stone. „Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass ich etwas beweisen muss, dass ich diese Preise eigentlich gar nicht verdiene. Nachdem ich 35 Jahre zur Arbeit gegangen bin, verdiene ich sie!“ 35 Jahre, in denen die Mutter von vier Kindern 13 Alben aufgenommen und vier Bücher geschrieben hat. Elf ihrer Songs erreichten den Spitzenplatz der US-amerikanischen Country-Charts.

Wie Julian Lennon oder Ziggy Marley ist auch Rosanne Cash mit dem Stigma des Kindes einer Musiker-Ikone behaftet. Während ihrer Kindheit erlebte sie hauptsächlich die Schattenseiten Johnny Cashs: seine Selbstzerstörung mit Tabletten und Alkohol, die Scheidung ihrer Eltern. Mit elf zog sie mit ihrer Mutter Vivian Liberto nach Los Angeles. Der Kontakt brach jedoch nicht ab.

Nach der Highschool begleitete sie Johnny Cash und ihre Stiefmutter June Carter auf den Roadshows der Carter-Cash-Familie, wo sie nach und nach vom Roadie zur Backgroundsängerin und gelegentlichen Solistin aufstieg. Trotzdem zweifelte Rosanne Cash an einer Karriere als Musikerin, studierte stattdessen Schauspiel am Lee Strasberg-Institut, arbeitete in einem Büro in London, reiste durch die Welt. „In meinen Zwanzigern versuchte ich mich von meinem Vater abzugrenzen, um heraus zu finden, wer ich war.“

1978 bekam sie beim deutschen Label Ariola einen Plattenvertrag und veröffentlichte dort ein nach ihr benanntes Debütalbum. Zum Ende der 1970er lernte sie in Nashville ihren späteren, ersten Ehemann, den Sänger und Gitarristen Rodney Crowell kennen, mit dem Rosanne Cash 1981 ihr drittes Album Seven Year Ache produzierte, es wurde ihr Durchbruch in den USA. Während ihr Vater durch die 1980er hindurch Karriereknicke hinnahm, stieg ihr Stern stetig.

1992 ließ sie sich von Crowell scheiden. Als Cash 1996 wieder im Studio aufnahm, überzeugte ihre Plattenfirma sie, die Songs im Rohzustand zu veröffentlichen: 10 Song Demo wurde zur Schnittstelle ihrer Karriere, brachte ihr Vergleiche mit Liz Phair, Tori Amos und PJ Harvey. Emmylou Harris und Linda Ronstadt haben den Song „Western Wall“ aus dem Album gecovert. Die Aufnahmen waren der Beginn ihrer Beziehung mit dem Multi-Instrumentalisten und Produzenten John Leventhal (Willie Nelson, Paul Simon, Johnny Cash), den sie 1995 heiratete und der Rosanne Cashs letzte drei Alben produziert hat.

Innerhalb von zwei Jahren verlor sie zwischen 2003 und 2005 ihren Vater, ihre Mutter und ihre Stiefmutter. Rosanne Cash verarbeitete dies mit ihren jeweils für einen Grammy nominierten Alben Black Cadillac und The List. Letzteres enthält zwölf Titel aus einer Liste mit hundert essentiellen Country-Songs, die Johnny Cash ihr gab, als sie 18 war. Der Presse gegenüber hat Rosanne Cash zugegeben, dass es irrsinnig schwer gewesen ist, wieder eigene Songs zu schreiben, nachdem sie sich jahrelang in diese hundert Meisterwerke vertiefte. „Ich werde nie einen Song wie „Take These Chains“ schreiben, das schafft man nicht mehr.“

Bescheidenheit beiseite. Ähnlich wie damals Ray Charles ist auch Rosanne Cash erst nach Jahrzehnten der Seelensuche ganz bei sich selbst angekommen. The River & The Thread hat sie dort hingebracht, wo sie schon immer hingehörte: an die Spitze der heutigen Country-Szene, gemeinsam mit Lucinda Williams in die Riege der amtierenden Americana-Botschafterinnen. Johnny wäre stolz auf sie!