Als er in den frühen 1990ern debütierte, hätte kaum ein Branchen-Insider geglaubt, dass Tim McGraw den Thron des damaligen Country-Champions Garth Brooks besteigen würde. Seine andauernde Serie von Multi-Platin-Alben machte ihn dann zum erfolgreichsten Country-Sänger des 21. Jahrhunderts. McGraws Ehe mit der Country-Sängerin Faith Hill („This Kiss“) hat den Sänger und Schauspieler (2015 an der Seite George Clooneys im Disney-Streifen A World Beyond) zusätzlich ins Spotlight gebracht. Ihre fünfköpfige Familie gehört zur Nashville-Aristokratie.

Mit Uptempo-Songs, die Honky Tonk und Southern-Country-Rock verbinden und Balladen in der Spielart von Adult-Contemporary-Pop definierte McGraw eine neue Ära. 35 Nr.-1-Hits und 54 Top-10-Singles in den US-amerikanischen Country-Charts gehen auf sein Konto, rund 40 Millionen verkaufte Alben, drei Grammys und drei Dutzend andere Medien-Awards. Der Daten-Dienst Soundscan listet ihn in den Top-10 der erfolgreichsten US-Künstler aller Zeiten. Taylor Swift huldigte ihm auf ihrer Debütsingle „Tim McGraw“ – 7 Jahre später nahmen sie den Song „Highway Don’t Care“ gemeinsam auf und erreichten damit Platz 1 der Country-Airplay-Charts.

McGraw ist gelungen, was kaum ein Country-Künstler schafft: Er erreichte das große Publikum außerhalb Nashvilles, ohne dabei die Gunst der Music City zu verlieren – wie vor ihm Shania Twain oder Garth Brooks. „Country-Musik hat viele Regeln“, sagte McGraw vor einigen Jahren dem Time Magazine. „Die Kunst ist, zu wissen, welche wichtig sind und welche nicht.“ Die wichtigen – in Nashville wohnen; nur mit den besten Songwritern und Produzenten arbeiten; sich wie ein Country-Sänger anziehen; die politische Meinung für sich behalten – hält er ein. Die unwichtigen – den weißen Cowboyhut des good guys tragen und nicht den schwarzen des bad guys; mit Studiomusikern aufnehmen und nicht mit seiner Tourband – lässt er unter den Tisch fallen.

Auch wenn er die Spielregeln kennt, bleibt Tim McGraw vor allem sich selbst treu. Als Jugendlicher war er in den 1970ern ein genauso großer Fan des Popradios wie von Merle Haggard. Er hat mit seinem recht genauen Cover von „Tiny Dancer“ Elton John verblüfft, ist gemeinsam mit seinem Kumpel Kid Rock aufgetreten, nahm mit Nelly eine HipHop-Ballade auf, und man hört den Einfluss der The Eagles und James Taylor in seinen Songs. Im Kern bleibt der mittelgroße, durchtrainierte Sänger (ein Selfie des 47-Jährigen, frisch Alkohol-Abstinenten, mit erstaunlichen Muskelpaketen verblüffte im Frühling 2014 im Netz) jedoch ein Country-Künstler. Seine treuesten Fans sind immer noch im traditionellen Lager zu Hause.

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Erfolgreich, sympatisch, gut – der 1967 in Delhi, Louisiana geborene Tim McGraw

Nach zwanzig Jahren und elf Alben bei seinem alten Label Curb Records unterschrieb McGraw im Mai 2012 einen neuen Plattenvertrag beim Label Big Machine von Scott Borchetta (Entdecker von Taylor Swift). Als Ort der Unterzeichnung wählte er die Greyhound-Busstation von Nashville. „Vor 23 Jahren, am 9. Mai 1989, kam ich hier mit dem Greyhound-Bus in Nashville an“, gab McGraw dem Billboard-Magazin zu Protokoll. „Es war der Tag, an dem mein Idol, der Countrysänger Keith Whitley starb.“ Ein emotional hoch besetzter Ort also, ideal, um einen Neuanfang zu besiegeln. Wie konsistent McGraw ist, zeigt die Tatsache, dass ihm 1992 Scott Borchettas Vater Mike, damaliger Chef von Curb, den Füllfederhalter hinhielt.

Wie die meisten Countrysänger schreibt McGraw eigene Songs – nur nimmt er sie nie auf! „Wenn du einen Song singst und darin beschreibst, wie du dich fühlst, dann ist das gut“, kommentierte er einmal, „aber wenn du in einem Song einem anderen aus der Seele sprichst, dann ist das großartig. Wenn jemand sein Autoradio anmacht und ausruft: ‚Wow, wie konnte er das wissen!?‘, dann hast du wirklich deinen Job gemacht.“

Die Stimmungen und Lebenswelten seiner Fans erspürt McGraw am besten in den Songs, die andere für ihn schreiben. Auf seinen letzten drei Alben Two Lanes of Freedom (2013), Sundown Heaven Town (2014) und Damn Country Music (2015) hat er mit der jüngeren Songwriter-Generation Nashvilles gearbeitet, darunter mit Shane McAnally (Kacey Musgraves) und Jaren Johnston (The Cadillac Three), wie auch mit Veteranen wie Lori McKenna, Ben Hayslip und Rhett Akins (dem Vater von Nashvilles neuem Shooting-Star Thomas Rhett). Produziert von seinem langjährigen Weggefährten, dem Grammy-Gewinner Byron Gallimore (Sugarland, Lee Ann Womack), sind diese drei letzten Longplayer quasi die Quintessenz seines ganzen Oeuvres.

Doch eigentlich ist es schade, dass McGraw keine eigenen Songs veröffentlicht, denn seine Biografie ist filmreif. Samuel Timothy Smith kam in Louisiana als Kind einer Kellnerin zur Welt. Seine Vorfahren stammen aus Italien, Schottland, Deutschland und Tschechien. Als er 9 war, ließ sich seine Mutter von seinem Stiefvater, einem Lastwagenfahrer scheiden. Nie blieben sie lange an einem Ort. Mit 11 fand Tim in einem Karton seine Geburtsurkunde und las dort, dass sein richtiger Vater der berühmte Baseball-Profi Tug McGraw war, der eine Affäre mit seiner Mutter gehabt hatte. 2004 spielte McGraw an der Seite von Billy Bob Thornton und Garrett Hedlund in Friday Night Lights – Touchdown am Freitag, einen dauerbetrunkenen Familienvater, dessen Adoptivsohn ein erfolgreicher Football-Profi wird.

In Nashville ging McGraw drei Jahre Klinken putzen, bevor er 1992 seine Debütsingle „Welcome to the Club“ veröffentlichte. Der Durchbruch kam 1994 mit dem zweiten Album Not A Moment Too Soon. Auch wenn er bewusst darauf verzichtet, sein eigenes Leben zu vertonen, kann er mit seinem Charisma doch eigentlich jeder Song-Geschichte Leben einhauchen. Dem Charme Tim McGraws erliegt man einfach.