Wo soll man bei jemandem wie Willie Nelson anfangen? Bei seinem Stellenwert für die Countrymusik? Bei seinen zahllosen Songs? Bei seiner geradezu affenartigen Liebe zu seiner guten, alten, Trigger genannten Gitarre? Bei seinen Freundschaften zu Johnny Cash, Merle Haggard & Co.? Bei den Highwaymen, seiner Schauspieler-Karriere, seiner kompromissloser Kifferei, seiner stilistischen Vielfalt, seinem sozialen Engagement? Das Leben des Willie Nelson ist so facettenreich wie sein überbordender Back-Katalog. Kein Wunder, dass der Mann seit Jahrzehnten eine Ikone ist. Eine Legende, ein Original, das so untrennbar mit der Geschichte der Countrymusik verbunden ist, wie das Griffbrett mit dem Korpus einer Gitarre.

Vielleicht nähert man sich dem Mann mit dem furchigen Gesicht und dem gütigen Lächeln ganz konventionell. Also: Willie Hugh Nelson erblickte am 29. April 1933 in dem staubigen Kaff Abott, Texas, das Licht der Welt. Abott zählte bei der letzten Volkszählung im Jahr 2010 ganze 356 Einwohner. Ein Provinznest dieser Größe gibt nicht viel auf Städtemarketing. Deshalb sucht man touristisch attraktive Würdigungen ihres berühmten Sohnes – wie ein Willie Nelson-Museum oder eine Willie Nelson-Statue – vergeblich. Dem Rebell mit dem roten Bandana dürfte das egal sein, doch verdient hätte er jede einzelne Huldigung.

Willie Nelson liebt neben der Musik auch das Kiffen und ist sogar Inhaber einer eigenen Marijuana-Marke "Willie's Reserve".

Willie Nelson liebt neben der Musik auch das Kiffen und ist sogar Inhaber einer eigenen Marijuana-Marke „Willie’s Reserve“.

Mit dem Verdienen ist es aber ohnehin so eine Sache bei Willie Nelson. Das zeigte sich schon in seinen frühen Karrierejahren, als er weit mehr durch musikalisches Talent als durch Geschäftssinn auffiel. Bestes Beispiel: In seinen frühen Zwanzigern schreibt Willie Nelson den durch seine christliche Erziehung geprägten Song „Family Bible“ – um ihn kurzerhand für schlappe 50 Dollar an seinen damaligen Gitarrenlehrer zu verkaufen. Ein paar Jahre später landet der Countrysänger Claude Gray damit einen Hit. Willie Nelson kommt durch den Verkauf der Songrechte zwar nicht in den Genuss eines warmen Tantiemen-Regens, doch zu der Erkenntnis, dass sich mit seinem Talent Geld verdienen lässt. Immerhin…

Dennoch gibt sich Nashville erst einmal reserviert, als Willie Nelson in den frühen 60er-Jahren in die gelobte Country-Stadt zieht. Wie so viele andere Musiktalente absolviert auch der schmächtige Texaner diese ganz spezielle Künstler-Ochsentour. Die Gigs sind rar, die Gagen dürftig. In der nahe dem legendären Ryman Auditorium angesiedelten Tootsie’s Orchid Lounge wird Willie Nelson dennoch bald zu einer Art Haus-Künstler. Kein schlechter Platz. Denn im Tootsie’s lassen sich häufig die angesagten Stars blicken, darunter auch Hank Cochran. Der Sänger und Songschreiber hat gerade einen Hit für Patsy Cline gelandet und damit Einfluss – den er geltend macht, indem er Willie Nelson einen Job als Songschreiber bei einem Musikverlag vermittelt. Kreativität nach Stechkarte. Das ist nicht jedermanns Sache, doch Willie nimmt die Herausforderung an und schüttelt – in Lohn und Brot stehend – einen Song, einen Hit nach dem anderen aus dem Jeanshemdärmel: Mit „Funny How Time Slips Away“ startet Billy Walker durch, mit „Hello Walls“ erobert Faron Young die Charts und mit „Crazy“ landet Patsy Cline einen kommerziellen Volltreffer. Bis heute zählt der Titel zu den schönsten Oden an die Liebe. An die Liebe – und an die Furcht, dass die Liebe wieder gehen könnte. Ein Song über Wunschträume und Ängste, über Himmel und Hölle auf Erden, über die Zerrissenheit der menschlichen Seele.

Wer so einen Song schreiben kann – dem ist schlichtweg alles zuzutrauen. Was Willie Nelson in den folgenden 50 Karrierejahren immer wieder bestätigt. In schöner Regelmäßigkeit überrascht der unberechenbare Ausnahmekünstler seine Fangemeinde: 1971 siedelt er, frustriert von den kommerziellen Fesseln Nashvilles, ins texanische Austin; er wird Mittelpunkt der Outlaw-Bewegung, der sich auch Merle Haggard, Townes Van Zandt, Billy Joe Shaver und David Allan Coe anschließen; 1978 veröffentlicht ausgerechnet er, der geniale Songschreiber, ein Album mit Coversongs um auf Stardust Jazz- und Pop-Songs aus den 50ern in ein Country-Outfit zu stecken; ein Jahr später rollt ihm Nashville mit dem neu eröffneten Willie Nelson-Museum endlich den roten Teppich aus.

Dabei ist Willie Nelsons Leben gerade in den 80er-Jahren alles andere als museumsreif. Er mischt bei der viel beachteten USA for Africa-Initiative mit. Und mit seinen Freunden Kris Kristofferson, Johnny Cash und Waylon Jennings gründet er die Highwaymen. Ein Projekt, das ihm in den nächsten zehn Jahren lukrative Einnahmen von Platten- und Ticketverkäufen einbringen soll. Er kann’s gut gebrauchen. Denn Anfang der 90er-Jahre hat der nicht sehr gewiefte Geschäftsmann Steuerschulden in Höhe von 16 Millionen Dollar angehäuft. Doch ein Rebell wie Willie Nelson knickt selbst vor dem Finanzamt nicht ein: Er verkauft Hab und Gut, und die Erlöse der nächsten Alben fließen ohne Umwege in die Kassen der Steuerbehörde. Schon 1993 kann er vermelden: schuldenfrei. Im gleichen Jahr nimmt ihn die Country Music Hall of Fame auf. Auf und ab, das Leben ist eine Achterbahn …

84 Jahre alt ist jetzt also Willie Nelson. 84 Jahre sind eine lange Zeit. Doch was Willie Nelson während seines 1933 in dem kleinen Texas-Nest begonnen Lebens bis heute alles gemacht und geleistet hat, dafür sind 84 Jahre eine kurze Zeitspanne. Selbst sein Nebenjob als Gelegenheits-Schauspieler ist imposant und mit zahlreichen preisgekrönten Filmen gespickt. Man beachte nur seine Rollen in den kultverdächtigen Filmen Der elektrische Reiter (mit Robert Redford) oder die geniale Politik-Persiflage Wag The Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt (mit Robert de Niro).

Weiter, immer weiter. Immer auf Achse. Sein Song „On The Road Again“ ist nicht nur einer seiner ikonischen Hits, es ist auch sein Lebensmotto. Wer ihn heute auf einer Bühne sieht, sieht einen Mann, der offenbar völlig im Einklang mit sich und seiner Musik ist. Gefühlvoll singt und rezitiert er aus seinem umfangreichen Werk. Ohne Klimbim. Nur die Musik, nur die Kunst. Lässiger und zugleich respektvoller lässt sich eine Performance nicht gestalten. „Wenn ich anfange, über gestern oder morgen nachzudenken, dann kriege ich garantiert Krebs und sterbe“, diktierte er dem Reporter des Rolling Stone anlässlich seines 80. Geburtstags in den Notizblock. Nachdenken, zurückschauen, innehalten. Da greift sich Willie Nelson lieber seine zerschundene, mit zahlreichen Unterschriften versehene Martin N-20, seine geliebte Trigger, um wieder auf Tour zu gehen. Oder um ein weiteres Album einzuspielen. Er hat nichts verlernt, keinen Deut seiner Liebe zur Musik eingebüßt. Und: Er ist trotz reifen Alters immer noch neugierig auf Neues – wie z.B. sein 2016 erschienenes Album Summertime: Willie Nelson sings Gershwin oder sein Tribut-Album an Ray Price (2016) belegt. Auch wenn der graubärtige Outlaw einen exzellenten Schmusekater in den kuscheligen Gershwin-Komposition abgibt – besser aufgehoben ist der bekennende Kiffer natürlich im rustikalen Umfeld. Wie bei Django and Jimmie, bei dem ein letztes Mal die Stimmen von Willie Nelson und dem 2016 verstorbenen Merle Haggard zueinander fanden. Für Haggard war es ein glanzvoller Abgang. Für Nelson ein weiteres Lebenszeichen eines unermüdlich kreativen Geistes. „Mit ihm zu arbeiten“, sagte kürzlich Kacey Musgraves in einem Interview, „war eine der coolsten Erfahrungen in meinem Leben.“ Man will es ihr nur zu gerne glauben. Alsdann, Mister Willie Nelson: Happy Birthday! Bleibe uns bitte noch lange erhalten!