„Ich würde das C2C-Festival sehr gerne auch in weiteren Märkten ausprobieren!”

Milly Olykan, C2C Festival-Leiterin und Mitglied des CMA Boards

Bei unseren Nachbarn in Großbritannien boomt Country Music regelrecht. Das vielseitige Genre scheint wie neugeboren und hat sein verstaubtes Image in den letzten Jahren komplett abgeschüttelt. Die Musik, die auch die US-amerikanischen Country-Charts dominiert, wurde von den Briten angenommen. Ob mit oder ohne Cowboyhut, mit oder ohne Twang: das spielt keine Rolle. Denn Country ist wieder in geworden.

Der britische Rundfunksprecher und Musikjournalist Paul Sexton ist der Meinung, dass die gemeinsame Unterstützung vom Radiosender BBC und dem großen Konzertveranstalter des C2C-Festivals, AEG, der Schlüssel dieses Erfolgs ist. „Es ist nicht so, als hätte Country Music zuvor kein Publikum in England gehabt. Wir mochten schon immer ein bisschen Tammy, Kenny, Shania oder Taylor in ihren frühen Jahren. Dass Dolly Parton mittlerweile hier genauso berühmt ist wie die Queen, brauche ich wohl nicht erwähnen! Aber in relativ kurzer Zeit hat sich Country Music von einem archetypischen guilty pleasure hin zu einem der coolsten Genres entwickelt.“

Paul Sexton (rechts im Bild) mit seinem Kollegen Baylen Leonard (2. von links) und Marty Stuart and his Fabulous Superlatives im BBC Radio 2 Studio auf dem C2C-Festival © BBC Radio 2 Country (Facebook)

Das größte europäische Country-Festival Country to Country (C2C) findet seit 2013 jeden März statt und verzeichnet mittlerweile rund 60.000 Gäste verteilt auf drei Tage. Nur knapp 5% des Publikums reist aus dem Ausland an – ein durch und durch britisches Festival also. Als der Veranstalter AEG es wagte, das große Risiko einzugehen auf unerforschtem Territorium ein so großes Event auszuprobieren, wusste niemand wie es ausgehen oder der Markt reagieren würde. Im ersten Jahr verkaufte AEG 17.000 Tickets für das 2-tägige „Test“-Event in London. Gleich im nächsten Jahr war das Festival so gut wie ausverkauft und expandierte zudem nach Dublin. Seitdem geht es stets bergauf für das wirklich beeindruckende Großevent, das Künstler wie Brad Paisley, Tim McGraw, Chris Stapleton, Luke BryanMiranda Lambert, Little Big Town, Sam HuntReba McEntire und vielen mehr nach Europa holte.

An der Konzeption des Festivals war von Anfang an Milly Olykan maßgeblich beteiligt. Wir sprachen mit der C2C Festival-Leiterin darüber, dass es anfangs alles andere als sicher war, wo die Reise hingehen würde: „Wir haben unser Glück versucht. Wir sind eine in UK ansässige Firma, der u.a. die O2 Arena gehört. Der amerikanische Teil unserer Firma ist darin sehr erfolgreich, Country Music in den USA zu promoten. Also dachten wir uns, ob wir es hier nicht auch probieren sollten. Dabei hatten wir einige Herausforderungen wie die großen Headliner zu buchen, die in den USA riesige Tourneen und in Stadien spielen. Sie zu fragen, ob sie nun zu uns kommen wollen und etwas ausprobieren möchten, von dem niemand damals wusste, ob es funktionieren würde. Aber Carrie Underwood und Tim McGraw kamen beide 2013 hierher um das Festival zu eröffnen. Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, die Country Fans zu erreichen. Damals gab es recht wenige Country Medien in Großbritannien. Wir wussten anfangs nicht wie alt die Fans waren, wie wir sie ansprechen konnten, wo sie genau wohnten – das war alles ein großes Risiko und mit großem Aufwand verbunden. Aber hier stehen wir nun: fünf Jahre später und mit einem sehr erfolgreichen, jährlichen Festival, das sich über drei Städte verteilt, drei Tage lang dauert und jedes Jahr über 60.000 Tickets in London, Glasgow und Dublin verkauft.“

Milly Olykan ist seit 2013 Leiterin des C2C-Festivals © The O2

Seitdem hat sich auch die Medienlandschaft für Country Music in Großbritannien verändert: BBC Radio2 Country sendet nach wie vor wöchentlich Bob Harris‘ Country-Sendung, weitere Radiosender, die ausschließlich auf Country Music fokussieren, sind entstanden, die TV-Serie Nashville ist überaus populär, neue Websites und Magazine sind aufgetaucht, das Plattenlabel Big Machine (u.a. Taylor Swift, Florida Georgia Line, Brantley Gilbert, Drake White) hat eine Niederlassung in der britischen Hauptstadt aufgemacht, und, und, und. Diese Eröffnung im Musikmarkt hat zudem ermöglicht, dass auch lokale Country-Künstler wie z.B. The Shires und Ward Thomas ganz nach oben geschossen sind.

Über die Jahre ist das C2C-Publikum jünger geworden, erzählt die aus Neuseeland stammende Olykan. „Das Festival versucht weitgehend alle Fans mit dem Programm zu erreichen, dafür werden legendäre sowie zeitgenössische Künstler jedes Jahr gebucht. Aber wir versuchen auch mit der Zeit zu gehen und das, was gerade angesagt ist, abzudecken.“

Ein Zusammenkommen der Generationen beim C2C-Festival. Seht hier die Highlighs aus 2017:

In Branchenkreisen bekommt man oft zu hören, dass der deutsche Markt für Country Music ´wie Großbritannien vor zehn Jahren´ ist. Gute Aussichten für Deutschland etwa? So Olykan: „Ich würde vermuten, dass in Deutschland genau wie in Großbritannien viele Country Fans sind, die ihre Musik über Spotify, YouTube, Taylor Swift, die TV-Serien Nashville, Sons Of Anarchy, True Detective, True Blood oder andere Sendungen finden. Durch diese Formate wird Country Music erreichbar.“ Auch das Live-Geschäft wächst hierzulande immer weiter, unter anderem durch die Arbeit von Oliver Hoppe, Geschäftsführer von Wizard Promotions, der führende deutsche Konzertveranstalter für Country Music: „Es gab ja von je her immer mal wieder Tendenzen, dass Country auf Top-Act Niveau in Deutschland gut funktioniert, insbesondere zu den Hochphasen von Garth Brooks der ja auch hier als internationaler Megastar gesehen wurde. In den letzten Jahren haben wir aber das Gefühl, dass ein gewisser Paradigmenwechsel stattfindet. Es kommen immer mehr auch junge unbekannte Künstler, die früh erkennen dass in Europa definitiv ein Markt vorhanden ist und sie sich diesen erarbeiten möchten. Ebenso gibt es eine interessierte Zielgruppe, die auch Acts die gerade ihr Debut-Album hingelegt haben entdecken möchte. Das hat mit vielerlei Tendenzen zu tun – für mich ist einer der Hauptfaktoren, dass jeder Musikfan auf der Welt inzwischen weiß, dass Nashville das Mekka der kreativen Musikbranche der USA geworden ist und entsprechend hoch ist auch die Qualität der Musik, die aus Nashville kommt.“

Holten Chris Stapleton, Luke Bryan, Kacey Musgraves und neulich auch Kiefer Sutherland nach Deutschland: Oliver Hoppe (links) und Ossy Hoppe (rechts) © Enrico Sauda

Wer die Entwicklungen in Großbritannien in den letzten Jahren verfolgt hat, den wundert es fast ein wenig, dass die deutschen Medien sich mit Country Music immer noch so schwer tun, vor allem im Radio oder Fernsehen findet das Genre kaum Beachtung. Natürlich wächst zum Glück in Deutschland stets die Anzahl der begeisterten Country-Fans, das können wir täglich auf Country & Co. verfolgen. Und manche Printmedien wie z.B. Classic Rock, Rolling Stone, Good Times und Guitar Magazin berichten mittlerweile fast in jeder Ausgabe über Musik aus Nashville.

Dennoch fällt beim C2C-Festival jedes Jahr sofort auf, dass hier etwas Größeres im Gange ist. Bei den Shows trällern über 15.000 Fans die Songs der Künstler textsicher mit, ganz egal wer auf der Bühne steht. Wir fragten Milly Olykan, was ihr Rat für einen ausbaufähigen Markt wie Deutschland wäre: „Ich denke, man sollte klein anfangen und ein Publikum aufbauen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Künstler die Fans sehen möchten. Ich würde liebend gerne ein paar der Headliner aus Großbritannien auch in Deutschland sehen, aber wenn das Publikum noch nicht groß genug ist, dann kostet es die Musiker am Ende zu viel, also wird es dazu vielleicht erstmal nicht kommen. Ich würde mich eher auf die lokalen Künstler konzentrieren, sie unterstützen und aufbauen. Es gibt zudem viele neue und sich gerade entwickelnde US-Country-Künstler, die jährlich durch UK touren und sicher auch nach Deutschland kommen würden.“

Feiert im Herbst 2017 Deutschland-Premiere: die renommierte CMA Songwriters Series:

Die spannende Frage bleibt: kommt bald ein internationales Country Music Festival wie C2C nach Deutschland und wann? Auf diese Frage hätten wir sehr gerne eine konkrete Antwort geliefert. Die C2C Festival-Leiterin verrät uns, dass sie gerne ihr Festival in unserem Markt ausprobieren würde, dass aber viele Faktoren vorher zusammenpassen müssen: „Um Headliner auf andere Märkte zu bringen, muss ich mehr als einen Tourtermin bieten, um es für die Künstler erschwinglich zu machen. Auch muss der Künstler gleich z.B. das schwedische, norwegische, deutsche oder niederländische Publikum ansprechen… Ich bin mir nicht sicher, ob wir schon ein Line-Up haben, dass dies schafft. Es ist aber auf jeden Fall etwas, das wir angehen möchten.“

Auch Oliver Hoppe schließt sich dem an: „Die C2C ist ein tolles Festival bei dem Country-Fans und Musikliebhaber zusammenkommen, warum sollte das nicht in Deutschland, wenn auch mit dem ein oder anderen Anpassung, funktionieren? Es gibt momentan viele tolle internationale Events im Bereich Country, die mehr und mehr auch nach Europa schauen und allein aufgrund ihrer Einzigartigkeit ihr Publikum finden werden. Beispielsweise die CMA Songwriters Series eruiert ja schon länger europäische Stationen und ich kann jedem nur empfehlen sich mal einen solchen Abend anzuschauen. Ob Country-Fan oder nicht ist es ein musikalisches Erlebnis erster Güte und immens spannend so nahen Input zum Kreativprozess der Künstler zu bekommen.“

Dazu bekommen deutsche Musikfans bald die Möglichkeit, denn das wundervolle Event CMA Songwriters Series wird im Herbst sein Deutschland-Premiere feiern! Eine Veranstaltung die auch Milly Olykan besonders am Herzen liegt: „Die CMA Songwriters Series ist ein fantastisches Event! Es sind immer vier oder fünf Künstler und Songwriter mit ihrer Gitarre auf der Bühne, die über ihre Songs reden und diese dann auch akustisch spielen. Man bekommt die ganze Backstory mit, also wie der Song zustande kam, wie es war ihn aufzunehmen, oder das Gefühl als der Song plötzlich auf Platz 1 war… Es ist faszinierend, lustig, berührend und für alle Musikliebhaber ein genialer und lehrreicher Abend. Ich lade immer auch „Nicht-Country“ Freunde dazu ein – und am Ende des Abends sind sie genauso gerührt wie der Rest und werden auch zu Country Fans!“

Hoffen wir, dass die Veranstaltung auch in Deutschland ein Erfolg wird und dadurch weitere internationale Country-Events entstehen. Denn die CMA Songwriters Series könnte der Startschuss für etwas Größeres werden, da sind wir uns ziemlich sicher!

Titelfoto © C2C / Aron Klein