Vor zwei Jahren sollte Nashvilles legendäres Studio A abgerissen werden. Nach einer Rettungsaktion in letzter Minute blüht die Tonschmiede jetzt neu auf – vor allem wegen des Top-Produzenten Dave Cobb.

Ortsbesichtigung des Studios A in Nashville. Für Sound-Nerds, Musikfreaks und für Technik-Liebhaber ist der inmitten der Music Row angesiedelte Aufnahmetempel ein fast heiliger Ort. Eine Pilgerstätte für Fans von Johnny Cash, Merle Haggard und Willie Nelson. Schließlich haben sie alle – und viele, viele weitere Legenden und Stars – hier ihre mitunter stärksten Aufnahmen eingespielt. Diese Kultstätte der Musik sollte vor zwei Jahren dem schnöden Mammon geopfert werden: verkaufen, abreißen, etwas Neues hinstellen. Zum Glück hatte Aubrey Preston, ein in Leapers Fork bei Franklin wohnender Philantrop, gegen diese Idee etwas einzuwenden. Gemeinsam mit zwei weiteren vermögenden Gesinnungsgenossen – darunter Label-Chef Mike Curb – retteten sie die historische Musikproduktionsstätte. Und füllten sie mit Leben und viel Musik. Über 200 Recordings im Jahr finden in dem großen Studio wieder statt. Haus- und Hofproduzent: Dave Cobb. Auch an diesem regnerischen Freitag im Mai kommt er hereingeschneit.

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Von außen eher unspektakulär: Das legendäre Studio A in Nashville

Schwarze, schulterlange Haare, Vollbart, wache Augen, Jeans-Outfit. Nicht sehr groß, etwas schmächtig. Aber quietschfidel. „Oh ja, es ist ein Traum, hier aufnehmen zu können“, fängt er sofort zu schwärmen an, „es ist wie Disneyland für ein Kind.“ Dave Cobb ist spätestens seit seinen zwei Grammys für Chris Stapletons Traveller-Album der heißeste Produzent der Stadt. Als Qualitätsgarant galt er nach hoch gelobten Werken für Jamey Johnson und Sturgill Simpson schon seit Langem. Jetzt aber ist Cobb auch ein Mann, der den großen Erfolg bescheren kann. „Sein Telefon steht nicht mehr still“, sagt Aubrey Preston, sich lässig in der Studio-Couch fläzend und nebenbei ein paar Akkorde auf einer Martin-Gitarre zupfend, „jede und jeder in Nashville möchte gerade mit ihm arbeiten.“

Wer so gefragt ist, könnte zur Arroganz neigen. Nicht so Dave Cobb. Im Gegenteil. Wenn er von der Aura, von der Inspiration und der Historie des Studio A spricht, erinnert er eher an einen Musiker, der gerade einen Schülerband-Wettbewerb gewonnen hat, als an einen hitverwöhnten Top-Produzenten. Die Begeisterung ist mit jedem Wort greifbar. „Jeden Tag, wenn ich hier ins Studio komme, denke ich: Das kann doch nicht real sein“, sagt er, setzt sich auf einen Stuhl, blickt sich in dem großen, hohen Aufnahmeraum um, nickt anerkennend und fährt fort: „Ich habe in meinem Leben schon große Träume gehabt – aber dann doch nicht so große!“ Im Studio A liege etwas Besonders in der Luft. Etwas Inspirierendes, vielleicht sogar Spirituelles. Musiker, die hier aufnehmen, machten jedenfalls nicht nur ihren Job. Sie lebten hier auf, spürten die lebendige Geschichte des Studios und riefen in diesem Umfeld ihre besten kreativen Leistungen ab. „Für mich als Produzent ist das sowohl Segen und Fluch“, grinst Cobb aus seinem dichten schwarzen Bart, „Segen, weil wir hier so unglaubliche Kunst aufnehmen können. Fluch, weil die Leute einfach nicht aufhören wollen, Musik zu machen. Vor drei Uhr nachts komme ich so gut wie nie ins Bett.“

An den Tasten ist er in seinem Element: Produzent der Stunde Dave Cobb

Doch damit ist Cobb in bester Gesellschaft, wie Aubrey Preston anmerkt: „Ich weiß nicht, wer das mit der Rock ‘n‘ Roll-Arbeitszeit, mit dem bis-spät-in-die-Nacht-Arbeiten, angefangen hat“, lässt er aus seiner abgewetzten Ledercouch vernehmen, immer noch die Martin streichelnd, „aber als Elvis hier in der Music Row aufgenommen hat, ist er meist zwischen sechs und sieben abends eingetroffen. Dann hat er erstmal mit seinen Musikern und Kumpels jede Menge Hamburger bestellt, dann wurde gefeiert und rumgealbert. So gegen zehn Uhr ging es dann mit der Musik los – und erst in den Morgenstunden hörten sie damit wieder auf. Am nächsten Tag machten sie genau so weiter.“

Chris Stapleton nennt – im Gegensatz zu Elvis – noch niemand King. Dennoch dürfte es derzeit keinen anderen Countrymusiker geben, dem Krone, Thron und Zepter mehr zustehen würden, als dem bärtigen Überflieger aus Lexington, Kentucky. Auch er sei längst vom Studio-A-Virus infiziert, wie Dave Cobb sagt. „Letzten Montag habe ich von ihm eine SMS bekommen“, erzählt der Top-Produzent, „er schrieb: ‚Hey Dude, ich vermisse dich’, natürlich nicht auf die schwule Art“, lacht er kurz auf und berichtet weiter, „er fragte, was ich gerade mache. Und ich antwortete ihm, dass ich mit Anderson East im Studio A an seinem neuen Album arbeite. Spaßeshalber fragte ich Chris, ob er nicht Lust hätte, ein bisschen Gitarre darauf zu spielen – was echt nicht ernst gemeint war, denn Chris ist derzeit der meistbeschäftigte Mann Nashvilles – doch er sagt: `Klar, ich bin in zehn Minuten da.´“ Das wortwörtliche Ende vom Lied habe sich – Elvis-like – bis in die frühen Morgenstunden hingezogen.

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Links Dave Cobb, rechts unser Autor Gunther – ob das Bild vor oder nach dem Whiskey-Tasting gemacht wurde wissen wir nicht – tippen aber auf danach 🙂

Was die Ernährungsgewohnheiten im heutigen Studio-A-Betrieb betrifft, unterscheiden sich Elvis und Dave Cobb allerdings deutlich. „Wir haben die Hamburger durch Bourbon ersetzt“, schmunzelt Cobb, und beginnt ein kleines Fachreferat über das hochprozentige Feuerwasser aus Kentucky. Der Autor dieses Beitrags kam gerade von einem dreitägigen Besuch der Jack Daniel’s Destillery in Lynchburg zurück. Die Folgen waren – wie das abschließende Souvenir-Selfie mit Dave Cobb bewies – deutlich zu sehen. Vielleicht aber nicht für den freundlichen Musiker. „Ach was, Jack Daniel’s“, sagt er. Kentucky Whiskey sei doch viel besser. Ob ich denn seine Lieblingsmarke Taylor kenne? Ich verneinte leichtfertigerweise. „Den musst du unbedingt probieren, da kann Jack Daniel’s nicht mithalten. Ich gebe dir gleich mal eine kleine Kostprobe.“ Er meinte es gut. Die kleine Kostprobe war mindestens ein Doppelter. Doch wie könnte man so ein Angebot von so einem netten, allürenfreien Star abschlagen? Unmöglich. Selbst dann nicht, wenn man hundemüde ist, zu viel Whiskey die letzten Tage konsumiert hat – und es erst zwölf Uhr mittags an einem regnerischen Freitag im Mai ist. Nun ja, er hatte Recht. Der Whiskey kann was. Der Mann hat einfach Geschmack.

Wir haben 10 Top-Songs, die von Dave Cobb produziert wurden für euch zusammen gestellt:

Dave Cobb Fotos (c) Jake Giles Netter