Ein langsamer Rhythmus, Betonung auf Zwei und Vier. Dazu ein Klavier mit einer wehmütigen, nach Sehnsucht klingenden Melodie. Eine Dobro, ein Bass – und wenn dann die Stimme von Carly Pearce kommt, ist das wie ein Sonnenaufgang. Man spürt: hier singt nicht jemand mit Stimmbändern und Kehlkopf, sondern ganz und gar mit dem Herzen. Das gilt nicht nur für den Titeltrack „Every Little Thing“ des Debüt-Albums der 27-Jährigen aus Taylor Mill, Kentucky, sondern für alle 13 Songs ihrer CD. Man fragt sich: wie konnte sich so ein Talent nur so lange verstecken?

Hat sie natürlich nicht. Im Gegenteil. Als sie mit gerade mal elf Jahren ihre eigene Bluegrass-Band leitete und sechs Tage die Woche in Dolly Partons Themenpark Dollywood, Tennessee, auftrat, galt sie sogar als Wunderkind. Als legitime Nachfolgerin von Alison Krauss. Sie war noch ein Teenie, als sich am Country-Horizont ihre Zukunft abzeichnete: Plattenvertrag, Perspektiven, Versprechungen. Doch der Markt hat seine eigenen Gesetze, er ignoriert Wünsche und Träume – und manchmal sogar herausragende Talente wie Carly Pearce.

Vor fünf Jahren dachte sie, dass ihre Karriere zu Ende sei. Sie jobbte als Verkäuferin und als Putzfrau. Egal, sie wollte ihren Traum von der Musikkarriere wegdrücken, wegschrubben und war nah dran, von Nashville – wo sie längst lebte – wieder zurück nach Kentucky zu ziehen. Eines Tages hörte sie bei einem ihrer Jobs auf einem Country-Sender den Song „Dance Hall“, gesungen von Danielle Bradbery. Ein Song, den sie für ihr – nicht veröffentlichtes – Debütalbum eingesungen hat. „Da hat es mich gepackt“, sagte sie kürzlich dem Rolling Stone, „erst weinte ich. Doch dann spürte ich, dass dieses Feuer noch in mir ist, und dass ich es – trotz allem – schaffen werde.“

Fünf Jahre später hat sie es geschafft: Vertrag bei Hit-Label Big Machine, permanentes Touren und ihre Single „Every Little Thing“ ist ein Hit. Für die Top-Songwriterin Emily Shackelton, Co-Autorin von „Every Little Thing“, bildet Carly Pearce ein gutes Beispiel für Ausdauer und Charakterstärke. „Ich habe viele großartige Talente in Nashville scheitern sehen“, sagt sie, „nur wer es voll und ganz will und sich nicht von Tiefschlägen aufhalten lässt, schafft es in dieser Stadt.“

War kurz davor in Nashville zu scheitern: Carly Pearce

Carly Pearce stimmt ihr zu: „Mir wurden so viele Türen vor der Nase zugeschlagen. Man hat mir gesagt, dass meine Zeit um sei, dass ich von Gestern sei.“ Dennoch hat sie nie aufgehört, Songs zu schreiben. Immer wieder, immer weiter. Bis sie schließlich Bekanntschaft mit Pete Fisher machte, damals Chef der Grand Ole Opry. Der ehemalige Musikverleger und Künstlermanager erkannte sofort ihr Talent und sorgte dafür, dass bestimmte Türen nun nicht mehr zuknallten sondern aufgingen. Im Jahr 2015 gab sie ihr Debüt in der Grand Ole Opry –  die erste Stufe der Karriereleiter. Die weiteren nahm sie in den letzten zwei Jahren im Eiltempo.

Zuletzt war sie gemeinsam auf Tour mit Kelsea Ballerini, Kip Moore und Hunter Hayes. Ihr Album „Every Little Thing“ produzierte busbee (Katy Perry, Keith Urban, Lady Antebellum, Kelly Clarkson). In den 13 Titeln – bei acht war Carly Pearce Co-Autorin – präsentiert sich das einstige Wunderkind jetzt als gereifte, souveräne Interpretin des modernen Country und authentische Storytellerin. Ihre Zeit ist gekommen.

Hört hier rein in Carly Pearces Debütalbum Every Little Thing: