„She may be singing bout the country / And putting out the hits / But those boots sure never stepped in horseshit / So thank God she lives in the city / Cause country ain’t never been pretty“. Cam in „Country Ain’t Never Been Pretty“ (2015)

Es gab ja schon immer Entwicklungen und Tendenzen in der Musik. Mal setzt sich eine neue Musikrichtung durch, und Mal verdichten sich neue Stilrichtungen zu einem neuen Untergenre. Wer sich mit den Entwicklungen in der Country Music der letzten Jahre beschäftigt hat, hatte viel um die Ohren. Denn die heutige Musik ist von einer großen Vielfalt an Einflüssen von Pop und R&B, über Rock, zum traditionellen Country geprägt. Und sehr stark von Männern. In den Country Singlecharts in dieser Woche sind nur drei Frauen in den Top-20 vertreten. Die Airplaycharts geben ein ähnliches Bild ab.

Das US-Branchenblatt Billboard hat sich in der aktuellen Ausgabe einer neuen Richtung im Country gewidmet, die jedoch weniger mit musikalischen Einflüssen zu tun hat. Eine neue Generation an Frauen wächst derzeit heran, und sie sind dabei, die Spielregeln für Frauen im Country zu verändern. Der Erfolg von z.B. Kacey Musgraves, Cam und Newcomerin Maren Morris hat gezeigt, dass Frauen, die ihre Meinung offen sagen, nicht mehr als Kassengift gelten.

„Eine zeitlang musstest du ein hübsches Gesicht und eine große Stimme haben. Heute ist das anders: Was du sagst und die Substanz dahinter ist wichtiger geworden“.
Kacey Musgraves

Als Kacey Musgraves 2013 ihr Major-Debütalbum Same Trailer Different Park veröffentlichte, staunte die Musikwelt über die kleine, kesse Texanerin, die offensichtlich wusste, was sie wollte, und sich nicht verbiegen ließ, egal ob sie dadurch Fans oder Medienunterstützung verlor: „Ich wurde schon darum gebeten, Lyrics zu verändern – unter anderem – aber ich weigere mich, Kompromisse einzugehen. Lieber würde ich scheitern und bei Walgreens (US-Drogeriekette, Anm. der Red.) arbeiten, um das sagen zu dürfen, was ich sagen will, und um die zu sein, die ich sein möchte. Ich könnte nachts nicht schlafen, wenn ich mich selbst kompromittieren würde.“

kaceymusgraves

„Just follow your arrow / Wherever it points“ – das Markenzeichen der 27-Jährigen Kacey Musgraves

In Europa kann man fast darüber schmunzeln, dass TV-Stationen ihre Songs teils zensieren, und dass Country-Radiostationen ihre Musik nicht spielen möchten. In „Follow Your Arrow“ (2013), ein Song über Selbstbestimmung und den heuchlerischen Moralvorstellungen der Gesellschaft, singt sie erfrischend: „Kiss lots of boys / Or Kiss lots of girls / If that’s something you’re into…Roll up a joint, or don’t / Just follow your arrow / Wherever it points“. Fast fraglich, dass sich Menschen 2016 über solche Aussagen – wenn sie von einer Frau kommen – auf dem Schlips getreten fühlen.

Die sechs jungen Frauen, die Billboard für ihren Artikel und Roundtable eingeladen hat, sind neben Kacey Musgraves auch Maren Morris, Margo Price, Aubrie Sellers, Cam und Mickey Guyton. Musikalisch befinden sie sich alle irgendwo zwischen Mainstream und Indie. Was sie verbindet, ist ihre Attitude: Die eigene Integrität steht über den Wunsch, berühmt zu werden. Alle sechs sind der Meinung, dass sie nur gut sind, wenn sie sich treu bleiben. „Ich habe mein Album aufgenommen, bevor ich einen Plattenvertrag hatte. Ich veröffentlichte es selbst  – einerseits weil ich Angst hatte, dass man es verändern würde“, so Aubrie Sellers, die letzte Woche bekannt gab, einen Plattenvertrag bei Warner Nashville unterschrieben zu haben.

„Seit den Dixie Chicks besteht die weibliche Perspektive im Country-Radio aus Love-Songs. Ich vergöttere wirklich Love-Songs, aber wir Frauen haben so viel mehr zu erzählen. Ich freue mich, dass heute Raum für andere Perspektiven entsteht.“
Maren Morris

Die meisten Country-Fans kennen die Geschichte der Dixie Chicks: Wegen ihrer politischen Ansichten und Äußerungen (Natalie Maines kritisierte 2003 bei einem Konzert in London öffentlich den damaligen amerikanischen Präsidenten G. W. Bush) geriet das Trio zunehmend in einem Negativ-Strudel, aus dem sie sich schwer wieder lösen konnten. Sie verloren ungefähr die Hälfte ihrer amerikanischen Fans, ihre Musik wurde eine Zeit lang nicht im Country-Radio gespielt, Fans boykottierten ihre Platten, es gab Morddrohungen etc. Sicherlich hat dieser Skandal auch die Musikbranche beeinflusst: Frauen, die zu forsch ihre Meinung sagten, die nicht anpassungsfähig und lieb waren, konnten zum Betriebsrisiko werden.

Maren_Mercedes

Heute geht auch Country-Pop mit frechen Texten: Maren Morris ist ein gutes Beispiel dafür

Nun weht heute zum Glück endlich (wieder) ein anderer Wind, auch bei kommerziell ausgerichteten Labels (Kacey ist bei Universal Nashville unter Vertrag, Maren und Cam bei Sony Nashville, Aubrie bei Warner Nashville). Selbstbewusste Künstlerinnen wie die sechs Ladies im Billboard Interview sind dabei die Spielregeln im Musicbiz grundlegend zu verändern. Ihre Songs schreiben sie selbst und ihnen liegt es am Herzen, das Leben (als Frau) in ihren Songtexten realistischer darzustellen.

Wie Maren Morris es so schön sagt (über die Songzeile „Is money falling from the sky…shit I’d be rich“ aus ihrem Song „Rich“): „Ich fühle mich fast geehrt, wenn sich Leute über meine Songs aufregen, weil ich das Wort ‚Shit‘ verwende. Das sollte nicht schockierend sein, sondern normal, da es wie ein echtes Gespräch klingt“.

Seht hier das 30-Minütige Billboard Roundtable-Interview wo auch das Thema US Präsidentschaftswahl diskutiert wird:

Titelfoto: (c) Miller Mobley / Billboard