Das Tønder Festival ist das größte internationale Folk- und Roots-Festival Europas und findet seit über 40 Jahren im südlichen Dänemark statt, nur knapp 50 km von Flensburg entfernt. Für Country- und Americana-Fans ist das familienfreundliche Festival schon seit ein paar Jahren zur interessanten Angelegenheit gewachsen. So spielen beim diesjährigen Festival vom 25.-28. August Rosanne Cash, Jason Isbell, Margo Price, The Dead South, Anderson East, The Avett Brothers, Jeffrey Foucault, die legendäre Gospel-Gruppe The Blind Boys of Alabama und viele mehr. Wir haben mit der künstlerischen Leiterin Maria Theessink (im Titelbild mit Folk-Legende Richard Thompson zu sehen) über das neue Profil und den hohen Qualitätsanspruch des Festivals gesprochen.


[Country & Co.]: Maria, letztes Jahr hast du den Job als künstlerische Leiterin des Tønder Festivals übernommen und dabei dem hauptsächlich auf irischen und schottischen Folk fokussierten Festival ein breiteres Image verpasst. Seit ein paar Jahren bietet ihr auch ein starkes internationales Country & Americana-Programm an. Was hat dich dazu bewegt, das Profil des traditionellen Festivals zu erweitern?

[Maria Theessink]: Ich finde es wichtig, verschiedene Richtungen der Roots- und Folk-Musik auf dem Festival zu präsentieren. Musikalisch gibt es innerhalb von Americana und Country in diesen Jahren eine sehr schnelle und spannende Entwicklung. Für mich war es ganz natürlich zu testen, ob unser Publikum auch diese Musik mag, denn vor allem Country hatten wir bisher nur selten im Programm. Letztes Jahr spielte z.B. Sturgill Simpson in Tønder – ganz klar ein gewagtes Unterfangen, aber unser Publikum mochte seine Musik, nahm ihn an. Auch konnten wir feststellen, dass ein neues Publikum dadurch hinzu kam, genau um jemanden wie Sturgill live auf der Bühne zu erleben.

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Townes Van Zandts ältester Sohn J.T. Van Zandt ist auch Musiker und gastierte 2015 beim Festival

Das Festival ist das größte seiner Art in Europa, jedes Jahr kommen rund 10.000 Besucher. Wie groß ist der Anteil an ausländischen Gästen und was tut das Festival, um auch Besucher, die kein Dänisch können, zu bedienen?

Hauptsächlich kommen unsere Besucher aus Dänemark aber auch viele deutsche Musikfans fahren jedes Jahr über die Grenze, um bei unserem Festival dabei zu sein. Unser Ticketsystem ist dreisprachig (dänisch, deutsch und englisch), unsere Website auch. Wir haben zudem eine Festivalapp, die allerdings nur auf dänisch und englisch ist. Das gedruckte Festivalprogramm ist zweisprachig, dänisch und englisch.

Auf dem Festival sieht man hauptsächlich ein erwachsenes, mal auch ein etwas älteres Publikum, und viele Besucher kommen Jahr für Jahr. Wie schafft ihr es, dass die Leute über Jahrzehnte zurückkehren?

Für viele Leute ist es eine Tradition, das Festival zu besuchen und sie planen das letzte Wochenende im August jedes Jahr fest ein. In den letzten Jahren ist allerdings auch zunehmend ein jüngeres Publikum dazu gekommen, hauptsächlich durch die Programmerweiterung. Warum kommen die Leute Jahr für Jahr gerne zu uns? Unser Credo ist Qualität statt Quantität – dass alle genug Platz haben ist uns wichtig, sowohl auf dem Campingplatz, als auch bei den Konzerten. Unser Campingplatz ist bestens ausgestattet, man kann sogar ein Luxuszelt mit Matratze mieten, wir haben mehr Bäder und Toiletten als auf Festivals üblich sind etc. Und auch bieten wir eine Vielfalt an Essensmöglichkeiten an, viele davon sind qualitativ hochwertig. Bei uns kann man es sich wirklich gut gehen lassen, das ist unser A und O. Aber am allerwichtigsten ist die fantastische Stimmung.

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Musik gibt es überall – auch spontan auf dem Campingplatz

Öfter hört man Leute sagen, dass das Festival hyggelig (deutsch: gemütlich) ist. Was ist damit gemeint?

Ich denke die Leute reden von der Atmosphäre auf dem Festival. Es fängt bei der Einrichtung des Festivalgeländes an, da stecken die festen und die ehrenamtlichen Mitarbeiter viel Arbeit rein, damit das Gelände an sich ein Erlebnis für die Besucher wird. Sicherlich liegt es auch daran, dass wir viele verschiedene Bühnen haben: von großen Zelten bis kleinen belgischen Spiegelzelten. Auch finden Indoor-Konzerte im Sønderjyllands Kunstmuseum statt, das Museum liegt am Rand des Festvalgeländes.

Selber bist du schon als Kind auf dem Festival, das 1974 gegründet wurde, gewesen, dein Vater ist der niederländische Blues-Musiker Hans Theessink. Wie hat sich das Festival über die Jahre verändert?

Als ich vor vielen Jahren das erste Mal dabei war, fand das Festival in einer alten Mühle statt, teilgenommen haben 120 Leute. Heute haben wir 9 Bühnen. Früher war das Festivalgelände für alle offen und man kaufte sich Tickets für einzelne Konzerte. Vor ein paar Jahren änderten wir das Konzept und man braucht heute einen Tages- oder 4-Tages-Pass um reinzukommen. Das hat das Festivalerlebnis gestärkt, vor allem weil die Besucher auch spontan von Konzert zu Konzert gehen können.

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Auch beim diesjährigen Tønder Festival gibt es ganz kleine Bühnen

Wo und wie wirst du auf interessante Künstler für das Festival aufmerksam?

Ich höre natürlich immer viel Musik, schaue was in Amerika musikalisch los ist, besuche andere Festivals und halte mich generell up-to-date. Auch Nashville habe ich mehrmals besucht, die Musikszene dort ist sehr interessant. Buchen wir Künstler, die in den Musikmedien gelobt werden, aber noch nicht in Dänemark gespielt haben, bekommen wir natürlich zusätzliche Aufmerksamkeit von der Presse. Aber Qualität steht immer über Trend. Das ist für mich das Allerwichtigste, wenn ich Künstler buche.

Das Festival dauert vier Tage. Falls man Lust auf eine Musikpause hat, was kann man in der Gegend unternehmen?

Das wirklich sehr schöne Sønderjyllands Kunstmuseum liegt quasi auf dem Festivalgelände. In der kleinen Stadt Højer kann man die Deiche besichtigen. Es gibt wundervolle Strände auf Rømø, die Insel liegt nur 30 Autominuten von Tønder entfernt. Auf dem Festivalgelände gibt es zusätzlich Musikworkshops, die offen für alle sind. Auch Tønder ist eine hübsche kleine Stadt – während des Festivals ist einiges los…

Was sind deine persönlichen Highlights beim diesjährigen Festival?

Ich freue mich sehr auf Anderson East, den ich letztes Jahr live in den USA gesehen habe, ein großartiger Künstler. Auch freue ich mich sehr auf Jason Isbell und Margo Price, aber auch auf den Schotten Adam Holmes und den irischen Singer-Songwriter Mick Flannery. Sehr stimmungsvoll ist das Treacherous Orchestra – ein schottisches Orchester, das ordentlich Gas gibt auf der Bühne. Und dann gibt es ja auch die legendären Blind Boys of Alabama Sonntag Abend – das Konzert wird die perfekte Krönung und Abschluss des Festivals.

Weitere Infos über das Tønder Festival findet ihr hier.

Hier könnt ihr die offizielle Playlist des Festivals hören:

Alle Fotos: (c) Tønder Festival

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